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neben der Funktion als Fremdenverkehrsort
erlangt hat. Zeitweise war die Stadt auch Garni-
sonsstadt. Dies ist heute noch im Stadtbild
durch die Gebäude der Offiziers-Reitschule im
Nordosten der Stadt ablesbar. Sie ist erst 1913
erbaut worden, hatte aber im Ersten Weltkrieg
schon ihre eigentliche Funktion verloren.
Der ursprünglich von Land- und Forstwirtschaft
lebende Kreis entwickelte sich seit dem 19.Jh.
aufgrund der reizvollen Landschaft mit dem
Naturschutzgebiet Lüneburger Heide zu einem
beliebten Ausflugs- und Erholungsgebiet, für
das Soltau die notwendigen Versorgungseinrich-
tungen anbietet.
Historischer Stadtkern
Dieser Bereich, der neben dem gekrümmten
Straßenzug Langestraße (1650), heute Markt-
straße, die mit dem westlich anschließenden
platzartigen Hagen den später bebauten Burg-
platz umfasst, bildet heute das kommerzielle
Zentrum der Stadt. Die ehemals enge Traufgas-
senbebauung ist teilweise durch Brände (1863),
nach einer teilweisen Zerstörung 1945 und in
jüngerer Zeit durch den Einbau großflächiger La-
deneinheiten stark verändert worden.
Noch 1820 war die Marktstraße die bedeutends-
te der Stadt. Dort standen das frühere Rathaus,
wohl mit Gerichts- und Ratsstube in einer alten
Kapelle (Ratskeller erwähnt 1545) sowie das
Amtshaus und eine Schule. Seit dem 1977-86
erfolgten Ausbau des Bereiches zur Fußgänger-
zone hat sie ihre Verkehrsbedeutung als Orts-
durchfahrt der L 163 in Richtung Walsrode an
die neu geschaffene Trasse Am Alten Stadtgra-
ben abgegeben. Lediglich eine Häusergruppe
am Hagen vermittelt noch das historische Stra-
ßenbild eines mit schmalen, giebelständigen
Bürgerhäusern unter Satteldach dicht bebauten
Bereiches, dessen zumeist schlichte Fachwerk-
fassaden jeweils von zwei Fenstern zu beiden
Seiten der mittigen Haustür gegliedert wurden.
Innerhalb der um 1600 in den Platz hineinge-
stellten, grundstückslosen Häusergruppe fällt
das kleine, 1599 erbaute sog. Bürgermeister-

Soltau, Marktstr. 19, Fabrikgebäude, 1853-1877


haus Nr. 8 durch seine reichen Schmuckformen
auf, die aus Halb- und Viertelrosetten auf den
unverkleideten Fußdreiecken und geschwunge-
nen, profilierte Knaggen im Bereich der beiden
auskragenden Dreiecksgiebel bestehen. Dies ist
wohl das älteste, erhaltene Fachwerkgebäude
Soltaus, das trotz einiger Veränderungen an der
Fassadenbekleidung, im Dach- und Fensterbe-
reich sowie am Eingang den Ursprungsbaukör-
per deutlich werden lässt.
In dem eng bebauten, westlichen Kurvenbereich
der heutigen Marktstraße liegt das Gebäude Nr.
22, das vielfach als Vogtei bezeichnet wird. Es
ist möglicherweise der Standort der alten Amts-
vogtei gewesen. Das bestehende Gebäude ist
jedoch vermutlich erst in der 1. Hälfte des
19.Jh. errichtet worden, nachdem die Vogtei
bereits nach Fallingbostel verlegt worden war.
Es ist eines der wenigen Gebäude in der Fuß-
gängerzone, welches zwar um 1900 umgebaut
wurde, dem Veränderungsdruck der jüngeren
Zeit jedoch standgehalten hat. Lange Zeit ge-
hörte es zu den umfangreichen Besitzungen der
Soltauer Fabrikantenfamilie Röders/Breiding und
bildete zusammen mit seinen rückwärtigen Ge-
bäudeflügeln das zentrale Geschäftshaus eines
1868 gegründeten, überregional tätigen Frucht-
weingeschäftes. Der traufständige, straßenseitig
symmetrisch aufgebaute, zweigeschossige
Fachwerkbaukörper unter Halbwalmdach ist als
siebenachsiger Fachwerkbau (mit Frontispiz) auf
einem hohen Feldstein-/Quadersockel mit Teil-
unterkellerung errichtet worden. Der Zugang zu
den Geschäftsräumen erfolgte lange Zeit über
die seitlich angelehnte Freitreppe neben dem
zweigeschossigen mittigen Verandavorbau, wel-
cher wahrscheinlich um 1900 zusammen mit
der spätklassizistischen Holzfassade nachträg-
lich vor die Fassade gesetzt worden ist. Diese
zeigt Quaderimitation, hölzerne Ecklisenen und
Fensterverdachungen. Der Hauptzugang be-
steht seitdem über das in massiver Bauweise
seitlich angesetzte Treppenhaus. Beide Anbau-
ten treten durch Fachwerkzierungen in den Vor-
dergrund des ansonsten schlichten Ursprungs-
baukörpers.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist in
einem inzwischen durch Feuer zerstörten Ge-


Soltau, Marktstr. 22, Wohnhaus, um 1900

bäude der alte Stammsitz der zahlreichen
Soltauer Fabriken untergebracht gewesen. Die-
ser war aus einem bereits um 1800 dort ansäs-
sigen Kolonialwarengeschäft und einer 1808
gegründeten Tabakfabrik hervorgegangen. Auf-
grund der günstigen Lage am Böhmeufer konn-
te hier im Laufe des 19.Jh. das umfangreiche
Fabrikgelände entstehen, dass sich heute noch
jenseits der Marktstraße ausbreitet. Das von
Produktionsgebäuden dicht bestandene Fabrik-
areal, das zu beiden Seiten des Flusses ein
Straßenkarree zwischen Markt-, Wilhelm-, Celler
Straße und Böhmheide ausfüllt, prägt mit seinen
teilweise aus dem 19.Jh. stammenden, hohen
Ziegelbauten und dem hohen Schornstein noch
heute das Soltauer Stadtbild.
Der Fabrikgründer August Röders hatte bereits
1847 und 1849, schon lange vor dem An-
schluss Soltaus an die Eisenbahn, eine Filz-
schuh- und Bettfedernfabrikation an dieser Stel-
le unter dem Namen des Stiefvaters Breiding
aufgenommen. Die Firma expandierte bis zum
Ersten Weltkrieg weltweit und auch in Soltau
folgten weitere Fabrikgründungen, die zugleich
die Stadtentwicklung nachhaltig beeinflussten.
Die rasante Entwicklung hatte nach dem erfolg-
ten Bahnanschluss von 1873 um 1910 ihren
Höhepunkt erreicht, als es in der 5.200 Einwoh-
ner zählenden Stadt 1.600 Beschäftigte in den
Röders/Breidingschen Fabriken gab. Obwohl
sie von den Auswirkungen der Weltwirtschaftkri-
se und der Kriege stark betroffen waren, konnte
die Produktion von Bettfederartikeln sowie Woll-
und Nadelfilzen in Soltau unter ihrem Namen bis
heute weitergeführt werden.
Parallel dazu hatte sich die Stadt durch die Er-
schließung neuer Bauflächen und der Errichtung
neuer Wohnhäuser sowie notwendiger Versor-
gungseinrichtungen entsprechend vergrößert.
Unter den zahlreichen, im 19. und 20.Jh. ent-
standenen Gebäuden des Fabrikkomplexes sind
im Bereich der historischen Einfahrt an der
Marktstraße zwei unveränderte 4 1/2-geschos-
sige rote Rohziegelbauten aus der Gründungs-
phase der Fabrik erhalten (Marktstraße 19). Sie
sind nach einem Brand evtl, bereits 1853 und

Soltau, Hagen 8, Wohnhaus, 1599


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