Furtwängler, Adolf
Kleine Schriften (Band 2) — München, 1913

Page: 75
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WEISSE ATTISCHE LEKYTHOS

(ARCHÄOLOGISCHE ZEITUNG 38, 1880
Tafel 11 [= Textabbildungen])

ie wohl erhaltene Lekythos des Berliner Museums, welche auf der bei- 134
gegebenen Tafel 11 [hier in zwei Textabbildungen] abgebildet ist,
stammt aus einem athenischen Grabe beim Dipylon (bei der Kirche
Agia Triada).1

Der feine, schöne rote Ton, aus welchem die Vase gefertigt ist, tritt nur an
der äußeren vertikalen Fläche des Fußes zu Tage, während derselbe im übrigen
teils von glänzendem schwarzen Firniß, teils, und zwar an den Hauptflächen des
Gefäßes, von einer dünnen aber festen und glatt glänzenden weißen Tonschicht
überzogen ist.

Auf der Vorderseite des Gefäßbauches hat der Verfertiger mit der schwarzen
Firnißfarbe und mit dem Pinsel (nicht mit der Feder) in einfachen Umrissen eines
jener harmlosen häuslichen Bilder gemalt, wie wir sie auf so zahlreichen
griechischen Vasen in ähnlicher und doch immer neuer Weise dargestellt finden.
Eine sitzende Frau hält betrachtend mit beiden Händen einen aus einem ein-
fachen Zweige mit kleinen Blättchen gewundenen Kranz vor sich hin. Eine
Wachtel sitzt auf ihrem Knie und schaut ihr zu; ihr gegenüber aber steht ein
bärtiger Mann, zugleich aufmerksam der Sitzenden zugewandt und doch in mög-
lichst bequemer Stellung, vorgelehnt auf den knotigen Stock und die Rechte in
die Seite stemmend. Daß die Unterhaltung der Beiden eine nicht ganz gleich-
gültige sei, scheint der fliegende Eros anzudeuten, der über ihnen an der Schulter
der Vase abgebildet ist, in jeder Hand das Ende einer nach r. und 1. auslaufen-
den ornamentalen Palmetten- und Blütenranke haltend, wie denn Eros mit ähn-
lichen Ranken oder mit Blüten und Zweigen gerade in den Vasen des strengen

1 [Berliner Vasenkatalog 2252. Fairbanks, Athenian white Lekythoi S. 197 Nr. 13.]
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