Furtwängler, Adolf
Kleine Schriften (Band 2) — München, 1913

Page: 135
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PROMETHEUS

(ARCHÄOLOGISCHE ZEITUNG 43, 1885)

as hier etwas vergrößert in Zeichnung nach einem Abdrucke wieder- 223
gegebene Bild befindet sich als Intaglio auf einem Carneol-Scarabäus
im Privatbesitz zu Odessa und wurde im Pariser Kunsthandel erworben.1
Bei näherer Betrachtung kann man über die Darstellung nicht im Zweifel sein;
auf den ersten Blick zwar glaubte ich Philoktet mit verbundenem Schenkel und
Odysseus zu erkennen; doch die Kette, die nach oben geht, machte es bald
klar, daß niemand anders als Prometheus gemeint sei, der als deajucßr^g in Fesseln
geschmiedet ist.

Um den linken Oberschenkel des Titanen, der mit mächtigen Körperformen
gebildet ist, liegt eine breite Fessel, und von dieser aus geht eine Kette nach
oben, wo sie an einer runden konvexen Scheibe befestigt ist, die auf der als
Hintergrund zu denkenden festen Wand sitzt. Die Arme sind noch frei von
Banden; die Rechte stützt er auf ein Szepter, doch an dem linken Arm faßt ihn
ein Mann von rechts,2 zwar ruhig und milde, doch offenbar in der Absicht, ihn
auch hier zu fesseln. Prometheus macht zwar eine abwehrende Bewegung mit
der noch freien linken Hand, aber Widerstand leistet er nicht. Jener Mann ist
bärtig, trägt einen Pilos und hat den Mantel so umgeworfen, daß seine linke
Brust frei bleibt; der Zipfel des Mantels fällt zwischen ihm und Prometheus
herab. Er ist etwas kleiner und schwächer gebildet als der Titane neben ihm.
Ohne Zweifel ist es Hephästos, der Prometheus fesseln soll, es aber nur wider-
willig tut und von Mitleid ergriffen ist.

Die Situation entspricht demnach vollständig der Darstellung des Aeschylos
im F[QO[ir)§Evg SsafKOTtjg, nur daß die beiden Gesellen, die Hephästos dort bei- 224
gegeben sind, Kratos und Bia, hier fehlen. Hephästos sagt bei Aeschylos (V. 18 ff.)

1 [Die Abbildung der Arch. Ztg. ist hier ersetzt durch die bessere aus Furtwängler,
Antike Gemmen Bd. III S. 204 Fig. 131. Vgl. zu dem Stein Furtwängler, Archäol. Jahrb. III
S.370, Berl. Phil. Wochenschr. 1896 S. 659 und Röscher, Myth. Lex. III 3093.]

2 Seine rechte Hand erscheint unter Prometheus'Oberarm; mit der linken, die ohne
etwas zu halten, unter Prometheus' Unterarm zu sehen ist, scheint er Prometheus' linke
Hand fassen zu wollen, der sie ihm aber entzieht.
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