Furtwängler, Adolf
Kleine Schriften (Band 2) — München, 1913

Page: 104
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KENTAURENKAMPF UND LÖWENJAGD

AUF ZWEI ARCHAISCHEN LEKYTHEN

(ARCHÄOLOGISCHE ZEITUNG 41, 1883

Tafel 10 [= Tafel 23 und Fig. 1])

ie in ihren originalen Farben und der natürlichen Größe auf der obern
Hälfte der Tafel 10 [Tafel 23] abgebildete Vase ist eine Perle der
Berliner Sammlung und trotz ihrer Kleinheit eine ihrer wertvollsten
neueren Erwerbungen [Vasenkatalog 336]. Sie ist eigentlich einzig in ihrer Art;
denn, soweit wenigstens meine Kenntnis reicht, gibt es nur noch ein Gefäß in
London, das man doch nur von ferne und in weitem Abstände ihm anreihen
kann; ich habe dasselbe auf der unteren Hälfte der Tafel abbilden lassen [hier
Fig. 1].

Beide Lekythen gehören der von mir einstweilen in Ermangelung eines
besseren Namens „protokorinthisch" genannten Gattung an1; der Name bezieht
154 sich auf die Tatsachen, daß die Gattung im ganzen älter als die korinthische
und mit ihr durch zahlreiche Übergangsstadien eng verknüpft ist. Ihr Fabri-
kationsort ist noch unbekannt, da noch nie aufgemalte, mit der Verfertigung
gleichzeitige Inschriften auf Exemplaren derselben vorgekommen sind.2 In Griechen-
land werden sie namentlich in Korinth gefunden, ferner auf Ägina, auch in Athen;
dann in Kleinasien, in Sizilien bei Syrakus, endlich in Campanien, Rom und
Etrurien, wo sie jedoch von italischen Nachahmungen wohl zu unterscheiden sind.

Das Berliner Gefäß stammt nach Angabe des Händlers aus Korinth, das
Londoner (aus der Sammlung W. Temple) aus Nola.

Das Singulare der beiden Väschen besteht darin, daß sie ausgeführte Dar-
stellungen mit menschlichen Figuren zeigen, während sonst nur dekorative Tier-
gestalten in dieser „protokorinthischen" Gattung vorkommen. Sie lassen uns
erkennen, wie falsch es war, etwa zu glauben, die Verfertiger jener Gefäße hätten

1 Vgl. Furtwängler, Bronzefunde von Olympia S. 47. 51 [oben Bd. I S. 374. 378].
Heibig, Italiker in der Poebene S. 84 ff. Annali d. Inst. 1877, S. 406. Löschcke, Arch.
Ztg. 1881, S.47 Anm. 46. Heibig nannte sie „chalkidische", was jedoch eine vorerst un-
beweisbare Behauptung enthält und zu Mißverständnissen und Verwechselungen mit den
bekannten, durch Inschriften gesicherten schwarzfigurigen Gefäßen verleiten kann. Das
Berliner Gefäß ward schon erwähnt von Puchstein, Arch. Ztg. 1881, S. 241.

2 [Vgl. jetzt Antike Denkm. II, Text zu Taf. 44. 45. Ägina, Heiligtum der Aphaia S. 477.]
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