Furtwängler, Adolf
Kleine Schriften (Band 2) — München, 1913

Page: 417
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ZWEI GRIECHISCHE TERRAKOTTEN

(ARCHIV FÜR RELIGIONSWISSENSCHAFT X, 1907)

||eii|§§J ewiß ist aus der Typenfülle der griechischen Terrakotten noch manches 321
I\§§§f|j zu gewinnen für die Erkenntnis der volkstümlichen Religion der Griechen.1
WlSä2&\ Einen kleinen Beitrag dieser Art mögen die folgenden Zeilen geben.
1. Ein bekannter, weit verbreiteter Typus in archaischen Terrakotten ist der
sog. Dickbauchdämon, eine zwerghafte Gestalt in kauernder Stellung mit kleinen
Beinen, großem Kopfe und dickem, faltigem Bauche, auf welchen der Dämon
behaglich die beiden Händen legt. Figuren dieses Typus fanden sich2 in Klein-
asien (namentlich Samos), in Naukratis, auf den Inseln (Cypern, Rhodos, Melos,
Ägina),3 in Griechenland an verschiedenen Orten, im Westen in Sizilien, in Süd-
italien und in Etrurien.4 Wie jedoch Material (rötlicher, glimmeriger Ton), Technik
und Stil beweisen, stammen diese Figuren, obwohl an so entfernten Orten ge-
funden, doch alle aus einer und derselben Fabrik, die nur in Ionien gesucht 322
werden kann; Material und Stil weisen mit Bestimmtheit dahin; sie werden in
Milet oder Samos gefertigt sein.5 Der Kopf des Dämons zeigt immer jenen weich-
lichen phönikisierend-ionischen Typus, der auch den Aphroditebildern derselben
Fabrik eignet.6 Diese altionische Kunst hat in enger Beziehung zu den Phönikern
gestanden.

So ist es denn auch eine gewiß richtige Vermutung, daß der Typus dieses
Dämons aus dem des ägyptischen, in Amuletten sehr häufigen und namentlich
durch die Phöniker weit verbreiteten sog. „Ptah-Embryo", des Ptah-Sokaris her-

1 Einen gesamten Überblick über die religiöse Bedeutung der griechischen Terra-
kotten habe ich zu geben versucht in der Einleitung zum zweiten Bande der Sammlung
Sabouroff. — Ober die Bedeutung der Terrakotten für die Erkenntnis der ursprünglichen
Lichtnatur der Aphrodite Pandemos s. Sitzungsber. Bayr.Akad. 1899, II S. 593 ff.

2 Vgl. das von Winter, Typen der fig. Terrakotten I S. 213, gesammelte Material.

3 Vgl. Ägina, Das Heiligtum der Aphaia S. 380, 66. Taf. 110, 14.

4 Etrurien: ein Exemplar von mir im Museum von Corneto notiert (von Winter
nicht erwähnt). [Südrußland: Arch. Anzeiger 1909 S. 162.]

5 Als altmilesisch bezeichnete ich den Stil, Arch. Anzeiger 1895 S. 128, 19. Samischen
Ursprung nimmt Böhlau, Aus ion. und ital. Nekropolen S. 155, an wegen der Funde auf
Samos; es ist dies auch aus anderen Gründen wahrscheinlich.

6 Vgl. Ägina, Das Heiligtum der Aphaia S. 478. 379, 61. Winter im Jahrb. des Inst.
1899 S. 73 ff.

A. Furtwängler. Kleine Schriften II. 27
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