Furtwängler, Adolf
Kleine Schriften (Band 2) — München, 1913

Page: 427
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NEUE DENKMÄLER ANTIKER KUNST I

(SITZUNGSBERICHTE DER PHILOS.-PHILOL. KLASSE DER KGL. BAYER.

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 1897, II

Mit 12 Tafeln [= Tafel 44—49])

nsere Wissenschaft gleicht dem Riesen Antaios: aus der Berührung mit 109
der Erde zieht sie stets neue Kraft. Der antike Boden spendet uns
noch immer neue Denkmäler, und diese helfen unsere Begriffe von
den Leistungen und der Entwicklung der alten Kunst ständig zu klären, sie reiner
und schärfer zu bestimmen. Und zwar sind es nicht nur die leicht bekannt
werdenden großen Funde, die uns diesen Dienst leisten, sondern ebensosehr
auch die beweglichen kleineren, die sich aber nur zu oft unseren Blicken ent-
ziehen, indem sie in private Sammlungen gelangen. Einige neue Denkmäler dieser
■ Art, kleinere Antiken zumeist in privatem Besitze, denen allen eine gewisse kunst-
historische Bedeutung zukommt, bin ich in der Lage, im folgenden bekannt
machen zu können.

1. MYKENISCHES GLAS

Die umstehend abgebildeten acht Anhängsel aus blauem Glase stammen aus
dem athenischen Kunsthandel und sind in der Sammlung des Herrn E. P. Warren
zu Lewes. * Sie müssen in einem Grabe der mykenischen Epoche gefunden sein,
wahrscheinlich in Attika oder dem östlichen Peloponnes. Die meisten der Teile
wurden in mehreren Exemplaren gefunden; das Ganze bildet eine Kette von
23 Gliedern und wäre für eine Halskette wohl geeignet. Doch hat das Grab 110
gewiß noch viel mehr Glieder enthalten und die vorhandenen sind nur die am
besten erhaltenen. Das Glas ist hier an allen von einer ungewöhnlich guten
Erhaltung. Wenn diese Gegenstände in der Regel durch die Verwitterung ein
unscheinbares graues Äußere bekommen haben, so zeigt hier dagegen das Glas
seine prachtvolle ursprüngliche Färbung und vollkommene Durchsichtigkeit. Die
Färbung ist von einem tiefen, schönen Dunkelblau.

Sämtliche Stücke haben eine Öse oben, Nr. 4 und 5 (von links gezählt) 111
zwei Ösen, eine oben und eine unten, zum Anhängen. Ähnliche Glasornamente
sind bekanntlich in den jüngeren Gräbern von Mykenae, in den Gräbern bei Nauplia,

1 [Jetzt im Museum of Fine Arts in Boston. Arch. Anz. 1899 S. 140].
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