Furtwängler, Adolf
Kleine Schriften (Band 2) — München, 1913

Page: 80
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80 Weisse attische Lekythos.

sondern auch das ionische Lambda A.1 Doch ist bekannt und ließe sich leicht an
vielen Beispielen zeigen, daß die Vasenmaler noch lange S schreiben, nachdem Z in
den offiziellen Gebrauch übergegangen und auch ihnen nicht mehr unbekannt war.

Wir sahen, daß in verschiedenen Beziehungen unser Gefäß einer Übergangs-
zeit angehört, indem es die Eigenschaften mehrerer fest geschlossener, auf-
einander folgender Gruppen vereinigt. Ganz vereinzelt steht das Gefäß indessen
nicht, wenn ich auch augenblicklich als in Stil und Technik fast genau überein-
stimmend keine Lekythos, sondern nur ein weißes Alabastron aus Athen (Berl.
Inv. Nr. 2632 [2257]) nennen kann.

Nur mit wenig Worten sei der weiteren Entwicklung der weißen Lekythen
gedacht. Gemeinsam ist den folgenden Gattungen, daß andere Darstellungen
als solche, die sich auf Grabeskult und Tod beziehen, nicht mehr vorkommen.
Es folgen zunächst die ohne Zweifel noch ins fünfte Jahrhundert gehörigen
Lekythen, welche die Umrisse der Figuren noch mit verdünnter Firnißfarbe geben
(z.B. Benndorf, Gr.Vb. Tai20,2 [Athen, Nat.Mus. Couve 1681. Fairbanks S.210
Nr. 28]), dann diejenigen, welche die Firnißfarbe nur selten und für geringeres
Detail, für die Konturen der Figuren aber eine matte graue oder gelblichbraune
Farbe verwenden (z. B. Benndorf Taf. 18,2 [Athen, Nat. Mus. Couve 1714. Fairbanks
S. 233 Nr. 57]), endlich die ohne alle Firnißfarbe und mit roten oder rotbraunen
Konturen der Figuren. Da die Bekrönung der Grabstelen mit Akanthos erst in
den beiden letzten Gattungen auftritt, so werden jene vorhergehenden Gruppen, da
der Akanthos auf inschriftlich zu datierenden erhaltenen Stelen schon zu Anfang
des vierten Jahrhunderts erscheint, noch in das Ende des fünften oder wenigstens
den Anfang des vierten Jahrhunderts gewiesen. Auch dies eine Bestätigung,
daß die früher besprochenen älteren Gruppen ungefähr in die Mitte des fünften
gehören. [Vgl. Sammlung Sabouroff I S. 7 ff.]

Zum Schlüsse möchte ich noch auf eine gewisse Analogie hinweisen, die
mir zwischen der besprochenen Entwicklung der weißen Lekythen und den
attischen Grabreliefs zu bestehen scheint. Es bedarf dieser Punkt noch ge-
nauerer Forschung; indeß eine bestimmte Verwandtschaft der Darstellung unserer
Lekythos, ebenso wie der ähnlichen oben [Anm. 1 dieser Seite] erwähnten, mit
denjenigen älteren Grabreliefs, welche nur Szenen aus dem täglichen Leben des
Frauengemaches darstellen, ist nicht zu leugnen; und wie nun in den attischen
Grabreliefs offenbar, freilich erst im vierten Jahrhundert, eine Beziehung zum
Tode und Abscheiden immer deutlicher zum Ausdruck zu gelangen scheint, so
sahen wir jene einfachen Lebensdarstellungen von den weißen Lekythen schon
in der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts verschwinden, um den von Grab
und Tod entlehnten Stoffen zu weichen.

1 Berl. Inv. Nr. 2568 [2443] APOMIPPOS KAAOS APOMOKAEIAO, sitzende
Frau, der eine Amme das Kind hinhält. [Klein a. a. O. S. 159.]
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