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Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — N.F. 2.1937

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https://doi.org/10.11588/diglit.6337#0020

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kische Herrenschicht entstanden. Welcher Volksteil aber ist es. der diese Kunstwerke aus-
geführt hat? Durch die westwärts gerichtete Flucht vor den Mongolen und die spätere An-
ziehung der Hauptstadt Kairo scheint ja die Möglichkeit, daß er in beiden Fällen derselbe
war, nicht ausgeschlossen. Sind es aber Iranier oder Türken oder Angehörige anderer Völker-
schaften gewesen, die diese verschiedenen und dabei sich so parallel entwickelnden Zweige
des Kunstgewerbes, die so sehr an politische Zentren gebunden waren, ausübten? Hier
schweigen noch die Quellen und so bleibt uns eine sichere Feststellung versagt, wenn wir auch
dem formalen Empfinden nach dem türkischen Element den ersten Platz einräumen würden.

OTTO BENESCH / KRITISCHE ANMERKUNGEN ZU NEUEREN

ZEICHNUNGSPUBLIKATIONEN

I. Eine Zeichnung vom Meister des Utrechter Marienlebens

Campbell Dodgson hat im 16. Band der 2. Serie der Vasari Society (1935) in verdienst-
voller Weise das Augenmerk auf eine der eigenartigsten Proben der Zeichenkunst des frühen
XV. Jahrhunderts gelenkt. Das Silberstiftblatt der Universitätsbibliothek von Uppsala
(175 X 222) (Abb. 1) ist von höchstem kunst- und kulturgeschichtlichen Interesse. Der Ge-
lehrte kommt zu seiner richtigen zeitlichen Ansetzung (etwa 1410—1415) durch den Vergleich
mit französischen Handschriften aus dem Kreise des Herzogs von Berry. Die nächste künst-
lerische Verwandtschaft glaubt er mit dem Stundenbuch von Chantilly zu erkennen und
schreibt daher die Zeichnung Paul von Limburg oder einem seiner Brüder zu. Mit Recht
betont der Forscher das Fehlen jeglichen gleichzeitigen Denkmals der französischen Zeichen-
kunst, das mit diesem an Qualität wetteifern oder seine Bestimmung erhärten könnte. Die
Gestalten dieser höfischen Damen und Kavaliere, die sich im Freien erlustigen, mit einem
kleinen Hündchen tändeln, sind von einer schwebenden Vergeistigung, für die wir in der
französisch-niederländischen Kunst, namentlich auf dem Gebiete des Genres, kein Beispiel
kennen. Das Ausdruckhafte, Ubersteigerte und damit auch leicht Übersinnliche dieser Ge-
stalten, dieser länglichen, durchscheinenden Köpfe, dieser langfließenden Gewänder ist mit
jenem unüberschreitbaren Maß klassischer Tektonik, das für die Franzosen, und naturalisti-
scher Statik, das für die Niederländer verbindlich ist, unvereinbar. Wir finden es in der
deutschen Kunst des „weichen Stils", und zwar in ihrer letzten expressiven „langfädigen"
Phase, der Zeit von 1410—1420, in der der ältere Kölner Sippenmeister, der Meister des
Obersteiner Altars, der Meister des Marienlebens aus Friedberg im Utrechter Museum (Abb. 2
und 3) stehen. Der Zusammenhang der Zeichnung mit dem letztgenannten Malwerk, einem
der köstlichsten, goldschmiedehaft zartesten der deutschen Kunst, scheint mir so eng
zu sein, daß ich nicht zögere, sie der gleichen Hand zuzuweisen. Zunächst einige Fälle be-
sonders auffallender Ubereinstimmung: der Kopf der rechts stehenden Dame und der Mariae in
der Verkündigung können geradezu zur Deckung gebracht werden; das gleiche gilt von dem
Kavalier, der mit seiner Flöte das Hündchen neckt, und dem König Melchior der Epiphanie.
Die Übereinstimmung wirkt in letzterem Fall ebenso zwingend, obwohl es sich das eine Mal
um einen bartlosen, das andere um einen bärtigen Typus handelt. Detailvergleiche haben
keine Beweiskraft, wo keine Entsprechung des künstlerischen Gesamtcharakters besteht.
Diese ist in stärkstem Maße vorhanden. Zeichnung und Gemälde verbindet der gleiche Aus-
druck körperloser Entrücktheit, im Verein mit einer fast fragilen Zierlichkeit und abstrakten,
ornamentalen Eigenwert besitzenden Schönformigkeit. Die Körper ruhen und schreiten

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