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Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — N.F. 2.1937

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https://doi.org/10.11588/diglit.6337#0149

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kürzung des jugendlichen Kopfes findet eine überzeugende Analogie auf einer Originalzeichnung
Tizians/ während die Linienführung mit anerkannten späten Tizianzeichnungen in Beziehung
zu setzen ist» —, mit ihrer nicht auf anatomische Korrektheit der einzelnen Glieder, sondern
auf die malerische Illusion der Gesamterscheinung gerichteten Breite, daß diese Zeichnung
nicht der kleinlichen Linienkopie Campagnolas, sondern einem Meisterwerk nachempfunden
ist, das einen Künstler von Rang, gleichgültig ob Jacopo Bassano oder einen anderen,3 zu
einer Studie von tizianischem Gepräge anzuregen vermochte.

Somit scheinen nach wie vor alle historischen und künstlerischen Indizien in harmonischer
Eindeutigkeit auf ein verschollenes Urbild Tizians zu weisen.

OTTO BENESCH / ZU VAN REGTEREN-ALTENAS DE GHEYN-

MONOGRAPHIE

Der erste Teil des großen Werkes des holländischen Forschers über eine der bedeutendsten
Gestalten des niederländischen Manierismus — sicher seinen großartigsten Zeichner — er-
schien als Dissertationsdruck,4 die kunstgeschichtliche Würdigung des Meisters enthaltend,
der ein umfangreicher Werkkatalog folgen soll. Sie erfüllt alle Forderungen, die man an eine
erstklassige kunstgeschichtliche Monographie stellen muß: sie erfaßt ihren Gegenstand ge-
schichtlich, kennermäßig und künstlerisch restlos. Die tiefgehende Bildung des Verfassers
weiß eine führende Erscheinung der problematischen Übergangszeit des nordischen Spät-
manierismus im ganzen Beziehungsreichtum ihrer Stellung zu verlebendigen. Kennerischer
Scharfblick hat ein umfangreiches, weitverstreutes Oeuvre rekonstruiert. Vertrautheit mit
dem künstlerischen Arbeitsvorgang als solchem gibt wertvolle Einsichten in den zeichneri-
schen Prozeß und seine technisch-geistigen Voraussetzungen. Wichtige Erkenntnisse grund-
sätzlicher Art zum Wesen des Spätmanierismus sind das Ergebnis. Die ausführliche Dar-
legung von de Gheyns Werdegang ist eine neuerliche Bestätigung jener Grundzüge des Zeit-
alters, wie ich sie vor Jahren in der geschichtlichen Einleitung zum Katalog der niederländi-
schen Zeichnungen der Albertina aufzustellen versuchte. Auch sein Werk steht im Zwielicht
von Naturalismus und Abstraktion, wobei eine Steigerung des Naturalismus in den Einzel-
heiten sehr wohl mit einer Intensivierung der abstrakt-struktiven Elemente Hand in Hand
gehen kann (v. R.-A. weist diese Dualität bis ins Zeichentechnische nach). „Naer't leven en
met eenen uyt den gheest" — die van Manderschen Worte können als Devise gelten. Dazu
tritt als weiteres grundlegendes Moment die Hinneigung zum Geschichtlichen, Vergangenen,
der eigenen nordischen Welt vor allem. Ich betonte schon an der obengenannten Stelle, wie
sich im holländischen Spätmanierismus durchaus nationale Kräfte regen, eine These, der von
einer Seite lebhaft widersprochen wurde. Das von v. R.-A. entworfene Bild de Gheyns bestätigt
jedoch diese These restlos. Er spricht geradezu von de Gheyns Ablehnung des Südens. Es ist

1 Detlev von Hadeln, Zeichnungen des Tizian. Berlin 1924. Taf. 28.

2 Ibidem, Taf. 31. , .

3 Die Zeichnung ist in dem Werk von Wart Arslan, J. Bassano, Bologna 1931, unter den Arbeiten des Ma-
sters nicht angeführt.

4 Jacques de Gheyn, An Introduction to the Study of his Drawings by J. Q. van Regteren-Altena. Iii 8>.
mit 13 Abb. Amsterdam 1935, N. V. Swets & Zeitlinger.

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