Heidelberger Volksblatt — 6.1873

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werden, als Du biſt, ein liebes, edles Weib - bleibe
in Deinem beſcheidenen Kreiſe und ſuche auch Paul in
demſelben feſtzuhalten - ich fürchte - ich fürchte -"
Der alte Ketterer hielt inne - die Stimme ver-
ſagte ihm - Käthchen weinte heftig, alles Leid der
letzten Monde verſchmolz mit ihm - dem Schmerz
dieſer Stunde, eine unausſprechliche Angſt um Paul
vereinigte ſich mit der Sorge um den Vater und preßte
ihr Herz in unnennbarem Weh zuſammen. Sie beugte
ſich anf die Hand des Vaters und drückte ſie in tie-
fer Bewegung an die Lippen.
"Jch werde Deine Lehren und Wünſche nie ver-
geſſen, mein lieber, theurer Vater!" rief ſie mit un-
terdrücktem Schluchzen.
"So wird Gott mit Dir ſein!" ſagte der Schul-
meiſter ſanft, "und nun - laßt mich ein wenig ru-
hen", fügte er mit freundlichem Lächeln hinzu und
lehnte ſich müde in den Stuhl zurück.
Frau Agnes legte ihm ſorglich die Kiſſen unter
dem Kopf zurecht und verließ leiſe mit Käthchen das
Zimmer.

Vierzehntes Kapitel.

Buchen-, Weiden-, Ahorn-, Hollunder-, Ulmen-,
Platanen-, Pflaumen-, Kaſtanien-, Eichen-, Hagedorn-,
Erdbeer-, Schlehen- und Gott weiß was ſonſt noch für
Blätter wandern in Maſſe, mit Gummi, Katechu,
Blauholz und Kalk aufgeputzt oder mit ächtem Theegrus
gemiſcht, in die betrogene Welt. Auch hat man ſich
nicht geſcheut, die Blätter des ſo narkotiſchen Sumach
der ohnehin ſchon mit Giften genugſam angegriffenen
Menſchheit als Thee zu präpariren. Dieſes Schand-
Product, dem auch viel gerbſtoffhaltigen Katechuharz bei-
gemiſcht wird, führt den Namen aaa eno Bono". Auch
Kartoffelſtärke tritt hier wieder auf, und zwar als
Erſatz für das aufſchmückende Gummi. Talk, Glim-
mer, Feldſpath, Porzelanerde, Curcume, Reisblei ſpie-
len auch mit, dem ſchon ausgenutzten oder ganz fal-
ſchen Thee ein ehrliches Anſehen zu geben. Endlich
noch graſſiren die Blätter Wpilodium angustifolium (das
deutfche Weidenröschen), welche gleich allen vorgenann-
ten Blätterarten nicht die geringſte Spur von Thee-
ſtoff (Thein) enthalten, tapfer mit, als chineſiſcher Thee.
Doch wir wollten nur "Streiflichter" über ein
Thema werfen das ſich noch weit hinaus fortſetzen
ließe. Der dieſem Aufſatze - für welchen nicht ein-
mal Vollſtändigkeit beanſprucht werden ſoll - zu ge-
währende Raum drängt dagegen zum Abſchluſſe.
Den vom Pfeffer, der mit Landſtraßenſtaub ver-
mehrt, bis zum Schweizerkäſe, der immer ſeltener ächt
und nur noch chemiſch nachgeahmt verkauft wird, iſt
der Betrug rührig wie ein Ameiſenhaufen.
Alle Gewürze, Cacao, Chocolade, Spirituoſen, Salz,
Senf, Tabake, Leim, Wachs, Honig, Fette, Speck, Fleiſch-
waaren, Seife und Lichte, Oele, Samen aller Art,
Brenn und Düng-Materialieu, Bekleidungsſtoffe, Seide,
Gold, Silber, Edelſteine - kurz, Alles wird gefälſcht
und verſchlechtert.
Ueber die Verfälſchungen der Weine, womit ſich
ganze Fabriken mit großem Arbeiterperſonal beſchäfti-
gen, allein ſchon könnte man ein dickleibiges Buch
ſchreiben. Auch vor eingemachten Speiſen, Früchten
und Delikateſſen, wie z. B. den giftig grün gemachten
Mixed Pickles, käuflichen Saucen und dergl., muß
dringlich gewarnt werden. Von den Droguen, als zu-
meiſt dem Haushalt mehr entlegen, noch außerdem
ganz zu ſchweigen.
Was iſt nun gegen die Fälſchermeute des Jn- und
Auslandes zu thun, die mit Gift und Koth an der
Entkräftung und Geſundheitszerſtörung der Menſchen
arbeitet?

Der alte Ketterer ſchlief lange und ruhig. Ein
Lächeln umſpielte ſeine Lippen, als Frau Agnes nach
einiger Zeit hereintrat, um nach ihm zu ſehen. Sie
beugte ſich über ihn und faßte ſeine Hand, er ſchlug
die Augen auf und ſah ſeine Gattin freundlich an,
ohne ſich aufzurichten.
"Laß mich ruhen", flüſterte er - "mir iſt ſo wohl
- ſehr wohl." Dabei hatte er die Augen bereits
wieder geſchloſſen und athmete tief und langſam, wie
ein feſtſchlafender. Frau Agnes ſah ihn beſorgt an -
ſie ſetzte ſich neben ihn und hielt die matt in der ih-
ren ruhende Hand ängſtlich feſt. - Die Hand war
mit kaltem Schweiß bedeckt - ſie legte ihr Ohr an
die Bruſt des Kranken - es war ihr, als höre ſie
ein leiſes Röcheln. Entſetzt ſprang ſie auf, todtenbleich
ſtürzte ſie in das Zimmer ihrer Tochter.
"Käthchen", rief ſie mit bebenden Lippen und in
abgebrochenen Sätzen, "raſch, hole den Doktor - ich
glaube, der Vater ſtirbt."
(Fortſetzung folgt.)

Die Verfälſchung der Nahrungsmittel und
Getränke.

Zuförderſt ſollte die Regierung eine Aufſichtsbehörde
ſchaffen, die ſtreng, unerbittlich und ſcharf wachſam,
hinter dem Betruge mit derſelben Sünderin, welche ſo
viel Schändliches unterſtützt: der Chemie, unermüd-
lich verfolgeriſch her iſt. . .

(Schluß.)

(Didaskalia.)

Auch Gewicht ſo wie Wohlgeruch werden verfälſcht.
Millionen Pfunde werden hergeſtellt aus: einer Chlo-
ranthus-Art, aus den Blüthen der wohlriechenden
lea ragrans, des Jasminum Sambac, der Camelia
Sa8anqua et ardenia florida.
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