Hyrtl, Joseph
Onomatologia anatomica: Geschichte und Kritik der anatomischen Sprache der Gegenwart ; mit besonderer Berücksichtigung ihrer Barbarismen, Widersinnigkeiten, Tropen, und grammatikalischen Fehler — Wien, 1880

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125. Dura und pia mater.

weil es der ganzen Länge seiner Concavität nach mit der
Bauchspeicheldrüse, deren Gang überdies in dasselbe ein-
mündet, in der innigsten räumlichen Beziehung steht" l).

125, Dura und pia mater,

Dura und pia mater stammen aus dem Anfang dieses
Jahrtausends. Haly Abbas, welcher 994 starb, gebrauchte in
seinen Ahnaleki (Liber regius) für Hirnhaut, den Ausdruck:
umm al-dimägh, welcher in der lateinischen Uebersetzung von
Stephanus Antiochenus, mit mater cerebri richtig gegeben
wurde. Die arabische Sprache drückt öfter das Erzeugende
und Ernährende, mit umm, mater, aus, wie in mater fluviorum
für Quelle, mater siderum für Nacht, mater arboris für Wurzel,
mater caloris für Fieber, mater venarum für Hohlader, u. v. a.
Haly führte diese poetische Sprachweise auch in die Anatomie
ein, in den matres cerebri, welche fast in allen Sprachen blei-
bende Unterkunft fanden. Nur die deutsche Sprache hat ihre
Aufnahme verweigert, und blieb bei der harten und weichen
Hirnhaut, obwohl sie das Wort Mutter, als Erzeugendes und
Einschliessendes, in vielen zusammengesetzten Ausdrücken2)
verwendet, und auch den Uterus, Mutter, nennt, und Mutter-
trompeten, Mutterbänder, Mutterfraisen, Mutterkränzchen, und
derlei mehr, alltäglich im Munde führt.

*) H. Luschka, Die Anatomie des Menschen etc., 2. Bei, I. Abth.,
Seite 205.

2) Mutterlauge, Essigmutter, Aalmutter, Schraubenmutter, Perl-
mutter, Muttererde (natürliche Gartenerde, im Gegensatz der
künstlich zugerichteten), Muttergestein, Mütterchen (Metall-
ring zur Aufnahme des Hackens einer Heftel), u. m. a. Wenn
aber der Wein auf der Mutter liegt, so ist hier Mutter —
Hefe, Bodensatz, und kommt vom altdeutschen modder —
dicker Schlamm.
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