Hyrtl, Joseph
Onomatologia anatomica: Geschichte und Kritik der anatomischen Sprache der Gegenwart ; mit besonderer Berücksichtigung ihrer Barbarismen, Widersinnigkeiten, Tropen, und grammatikalischen Fehler — Wien, 1880

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138. Fascia, Taenia, Vitta.

Gute lateinische Autoren, wie es Vesal; Vesling;
Heist er, und Ha 11 er waren, kennen nichts Anderes als
Artus und Membra. Artus wurde nur für die Gliedmassen
gebraucht, welche durch Gelenke (Articuli) in mehrere Ab-
theilungen zerfallen. Zu den Membra konnten aber auch
andere hervorragende Theile des Leibes gezählt werden, z. B.
das Membrum virile und der Rüssel des Elephanten, welchen
Plinius unverholen eine Hand nennt.

Bei den Griechen überraschen uns die mit unserem Colon
verwandten y.wXa, wie im Aeschylus, Sophocles, und den
nach-Hippocratischen Aerzten. Das Colon (Darm) steht sicher
mit den -/.wAa in verwandtschaftlicher Beziehung, da es durch
seine Einschnürungen ebenso gegliedert erscheint, wie die
Gliedmassen durch ihre Gelenke. Hippocrates und Aristo-
teles legen den Händen, den Füssen, und dem Kopfe, das
Nomen genericum capoxv]? bei. Daher entstand das ax.poTY]pia£scv
des Heliodor uswas wir amputiren nennen.

In dem deutschen Wort Gliedmasse, ist Glied -
Gelenk, welche Bedeutung es noch in Gliedschwamm und
Gliedwasser aufweist, und Mass entspricht nicht der lateini-
schen Mensura, sondern dem altdeutschen mat, „verbinden", so
dass Gliedmasse eigentlich als eine Verbindung mehrerer
Gelenke verstanden werden muss. Das deutsche mat, gab das
englische mate, ein Verbündeter, ein Gesell, besonders
vom Schiffsvolk üblich (ships-mate). Ob nicht auch Matrose
daher kommt?

138, Fascia, Taenia, Vitta,

Niemand bedarf einer Erklärung des Wortes Fascia. Da
wir uns aber schon einmal in die Kritik der anatomischen
Benennungen, selbst der bekanntesten, eingelassen haben, und

) Stephani Biancardi Lexicon medicum, Edit. Kühn, T. I.
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