Oechelhäuser, Adolf von ; Kraus, Franz Xaver [Editor]
Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden (Band 4,4): Die Kunstdenkmäler der Amtsbezirke Mosbach und Eberbach — Tübingen [u.a.], 1906

Page: 219
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kdm4bd4/0251
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
AMT EBERBACH. - ZWINGENBERG. SCHLOSS ZWINGENBERG. 219

[In unserm Grundriss (s. Fig 131) ist irrthümlich 1572 als Entstehungszeit für den ganzen
Bau angegeben.] Einen weiteren Beweis hierfür liefert das Vorhandensein der oben
(S. 202) beschriebenen Einsteiglucke auf der Westseite des Berchfrits, die eine freie Lage
nach dem Hofe zu zur Voraussetzung hat. Nach .Ausfüllung der Lücke zwischen beiden
Bauten war es natürlich erforderlich, den Zugang zum Berchfrit direkt von diesem
Zwischenbau aus neu herzustellen. Man benutzte dazu den Dachboden der Kemenate, von
wo aus auch heute noch der gewaltige Schlossthurm allein zugänglich ist. Oberhalb der
Dachschräge ist von einer der höheren Lauben aus noch ein Theil des Rund-Bogens dieser
Einsteiglucke sichtbar. Im Zusammenhange hiermit erfolgte auch der Umbau des Wehr-
ganges der Schildmauer, die nunmehr in diesem Theile vom Hofe aus völlig unsichtbar
geworden war. Zwar mag damals noch nicht die Zimmertheilung vorgenommen worden
sein, die in dem breiten Wehrgang jetzt anzutreffen ist und ihm seinen ursprünglichen
Charakter völlig geraubt hat, wahrscheinlich ist aber damals bereits, wie jetzt, eine gemein-
same Bedachung über Kemenate und Schildmauer hinweggelaufen. Die an der Anschluss-
stelle des Wehrganges beim Berchfrit eingebaute Wendelstiege hatte einst den Zweck, wcndeisticge
den Zugang zur Schildmauer von der Kemenate aus über einen aussen auf Konsolen .
ruhenden Laufgang in derselben Weise zu vermitteln, wie wir dies auf der gegenüber-
liegenden Seite des Hofes zwischen Palas und dem dortseitigen Theile der Schildmauer
nachgewiesen haben. Nur so ist zu erklären, wie diese Wendelstiege heute 2 m über
dem Fussboden im sogen. Langhansen-Zimmer des zweiten Stockes der Kemenate plötzlich
aufhört. In dieser Höhe lag nämlich der Fussboden des betr. Laufganges, der dann
dem verlängerten Kemenaten-Bau weichen musste. Dass die Schildmauer auch hier einst
in ihrer ganzen Länge frei gelegen hat, beweist der im Dachgeschoss der Kemenate
an der ganzen Wand noch sichtbare Bogenfries, der mit dem des nördlichen Theiles über-
einstimmt. Auch dieser Umstand spricht für unsere Annahme, dass ausser Berchfrit auch
beide Stücke der Schildmauer noch von der alten Zwingenberger Burg herstammen.
Erst die Hirschhorn haben auch im Süden des Hofes die Errichtung eines »steinernen
Hauses« für nöthig befunden und so die Schildmauer hier erst theilweise, dann vollständig
durch den Kemenatenbau verdeckt.

Die erwähnte Vergrösserung, d. h. der Anschluss der Kemenate an den Berchfrit,
mag zu derselben Zeit geschehen sein, als die Umbauten am Palas erfolgt sind: i. J. 1574
(s. oben S. 210). Eine dritte Bau-Periode bedeutet schliesslich das Aufbringen eines
vierten Geschosses in Fachwerk über dem westlichen Theile des Bauwerks und damit
in Verbindung die erwähnte Herstellung des obersten Laubenganges zur Verbindung mit
dem entsprechenden vierten Stockwerk des Palas. Dieses oberste Geschoss steht mit
dem Wehrgang der Schildmauer in direkter Verbindung, doch liegt letzterer immer noch
so viel höher, dass erst ein Aufstieg von mehreren Stufen hinauf führt. Damals — es
wird dies zur Wieser'schen Zeit gewesen sein — scheint man auch die erwähnte Ein-
richtung des Wehrgangs zu Wohnzwecken mittelst Einfügung von Zwischenwänden vor-
genommen zu haben.

Das Aeussere der Kemenate macht jetzt einen einheitlichen Eindruck. Der Bau
ist gleichmässig verputzt und weiss getüncht, die Formen der zweitheiligen Fenster stimmen
mit denen des Palas. Nur die nachträgliche Aufsetzung des vierten Stockes über dem
westlichen Theile macht sich durch das Auskragen desselben oberhalb des ehemaligen
Hauptgesimses und durch die getrennte Dachanlage kenntlich.
loading ...