Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 49.1898-1899

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Lin Vorschlag zur Förderung der graphischen Künste.

gegenüber, welche im Verein mit mehreren hundert
Reproduktionsanstalten den Bedarf des deutschen
Volkes an Druckerzeugnissen decken.

Es sind viel weniger die niedrigen Preise, die
angeblich bei uns — im Vergleich mit England, Frank-
reich und Amerika — für Druckerzeugnisse gezahlt
werden, und die stets als Entschuldigung für schlechte
Arbeit hcrhalten müssen, als die eben erwähnten Wiß-
stände schuld, wenn die Leistungen eines großen Thcils
unserer graphischen Kunstanstaltcn und Druckereien
nicht auf der lhöhe der Zeit stehen. Beweis dafür
sind alle diejenigen Firmen, die bei hervorragenden
Leistungen vollauf beschäftigt sind und auch vielfach
für das stets gepriesene Ausland arbeiten, trotzdem
sie sich ihre Arbeit sehr gut bezahlen lassen.

Wenn in all' diesen Dingen durchgreifende Ab-
hülfe geschaffen werden soll, würde es sich zunächst
darum handeln, in Künstlerkreiscn einmal die ganz
falsche Ansicht zu beseitigen, daß die graphischen
Aünste ein gewöhnliches Gewerbe sind; sie bedeuten
vielmehr, was schon ihr Name besagt, eine K u n st im
wahrsten Sinne des Wortes, dis keine Schuld daran
hat, wenn Gelgemälde und andere Originalschöpf-
ungen so wenig gekauft werden. Gerade das Gegen-
theil ist der Fall, denn nur durch diese Schwester-
kunst kann das Verständniß für künstlerische Lei-
stungen in iimner weitere Schichten der Bevölkerung
getragen werden, und je mehr die Künstler ihrerseits
dazu beitragen, diese zu heben und zu vervoll-
kommnen, umsomehr werden sie in ihrem eigenen
Interesse handeln.

Erschwert wird das Zustandekommen eines
solchen pand-in-Handgehens hauptsächlich durch den
Wange! an Interesse, den Waler im Allgemeinen
praktischen Dingen zuzuwenden pflegen, und der sie
davon abhält, sich über die technischen Vorgänge bei
der Reproduktion ihrer Werke zu unterrichten, wenn
sie nicht in geeigneter Form von außen direkt dazu
angeregt werden. Wachen doch die meisten Verleger
und Kunstanstaltsbesitzer beinahe täglich dieErfahrung,
daß fast alle Künstler, die daran gehen wollen, ihre
auf einerAkademie oder Kunstgewerbeschule erworbenen
Kenntnisse im Zeichnen und Entwerfen praktisch zu
verwerthen, keine Ahnung davon haben, welche An-
forderungen die modernen Reproduktionstechniken
an brauchbare Vorlagen stellen.

Eine erhebliche Anzahl aller cingereichten Ent-
würfe und Zeichnungen, welche häufig mit einem ganz
bedeutenden Aufwands an Zeit und Fleiß angefertigt
sind, müssen nur deswegen zurückgewiesen, oder min-
destens auf Kosten des Autors umgezeichnet werden,
weil sie sich in ihrer Ausführung weder für die
Wiedergabe in dem einen noch in dem andern Ver-

fahren eignen. Die kurzen Belehrungen, die in
solchen Fällen den Künstlern dann von den betref-
fenden Geschäftsleuten im Bureau ertheilt werden
können, genügen selten, um einen zweiten Versuch
aussichtsreicher zu gestalten.

Woher aber sollen sich zur Zeit die Künstler,
und namentlich Damen, diese Kenntnisse auch ver-
schaffen, selbst wenn die gebietende Notwendigkeit dazu
an sie herantritt? Aus den vorhandenen Lehrbüchern
lassen sich derartige Dinge erfahrungsgemäß nur ganz
unvollkommen erlernen, und Reproduktionsanstalten
dürften aus naheliegenden Gründen schwerlich in die
Lage kommen, ihre Betriebe für solche Lehrzwecke
herzugeben. Andererseits wird cs außer den drei in
Deutschland vorhandenen Buchdruckerschulen wohl
nur wenige öffentliche Lehranstalten geben, denen es
möglich wäre, neben den: ihnen bereits obliegenden
Pensum auch noch diese Aufgabe zu bewältigen.

Fast von selbst ergibt sich aus diesen Verhält-
nissen die Nothwendigkeit, im Interesse der Künstler,
der Reproduktionsanstalten und Druckereien, sowie
zur Belehrung der Konsumenten und des Publikums
wenigstens in einer der größeren Kunststädte, wie
Acünchen, Berlin, Darmstadt, Dresden, Karlsruhe,
Leipzig, Stuttgart oder Weimar, eine eigene Aka-
deinie für die graphischen Künste zu errichten,
an welcher sämmtliche Reproduktionsverfahren, also
Photographie, Auto- und Zinkographie, Licht- und
Kupferdruck, Litho- und Photo-Lithographie, sowie
die gewöhnlichen und farbigen Buchdruckverfahren
theoretisch wie praktisch gelehrt würden. Damit
j müßte eine Versuchsstation für diese Techniken ver-
bunden sein, die alle Erfindungen und Neuerungen des
In- und Auslandes auf diesen Gebieten verfolgt,
prüft und diejenigen, welche sich bewähren, für die
heimische Kunst und Industrie in der Weise nutzbar
zu machen sucht, daß sie nach Bedarf erprobte Lehr-
! kräste entsendet, die in Innungen und Vereinen vor
Fachleuten und Buchhändlern, Industriellen und ge-
bildeten Laien Vorträge zu halten und diese durch
praktische Beispiele zu erläutern hätten.

Von einer solchen Akademie aus könnten dann
auch auf Ansuchen der betreffenden Direktionen an
Kunstgcwerbc- und Gewerbe-Schulen, sowie an Kunst-
akademien in jedem Semester regelmäßig Wander-
kurse für solche Studirende eingerichtet werden, die
diese Vorkenntnisse für ihr späteres Fortkommen
nöthig haben, oder auch nur für wünschenswerth
halten. Wem dieser Elementarunterricht dann nicht
genügt, oder wer durch denselben für das eine oder
andere Fach ein solches Interesse gewinnt, daß er
sich demselben ganz zuwenden will, dem ist dann
doch die Wöglichkeit gegeben, sich an dieser Akademie

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