Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 2.1890/​91

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Personalnachrichten. — Sammlungen u. Ausstellungen.

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„,% Der Kunstsammler Karl Eduard von Lipliart, ein
geborener Livländer, der sich um die Förderung deutscher
Kunstinteressen in Italien mannigfache Verdienste erworben
hat, ist Ende Februar zu Florenz im S3. Lebensjahre ge-
storben.

PERSONALNACHRICHTEN.

„% Zu ordentlichen Mitgliedern der Berliner Akademie
der Künste sind die Maler Professor Otto Brauseweiter in
Berlin, Professor Gustav Schönlebcr in Karlsruhe und der
Architekt Prof. Friedrich Thiersch gewühlt worden. Diese
Wahlen haben die Bestätigung des Kultusministers erhalten.

.*% Der Geschichtsmaler Gustav Schauer in Berlin hat
den Professortitel erhalten.

,,% Der Bildhauer Prof. Ernst Eachnel hat am 9. März
seinen 80. Geburtstag gefeiert. Aus diesem Anlass wurde
er vom akademischen Rate der Kunstakademie unter Führung
des Prinzen Georg, sowie von mehreren Ministern und dem
Oberbürgermeister beglückwünscht und empfing zahlreiche
Deputationen mit Glückwunschadressen. Professor Schaper
überbrachte im Auftrage der deutschen Kunstgenossenschaft
in Berlin einen prächtigen Pokal. Die Schüler Haehnels
überreichten eine goldene Ehrenmedaille.

SAMMLUNGEN UND AUSSTELLUNGEN.

A. R. Aus den Berliner Kunstausstellungen. Der in
weiteren Kreisen besonders durch eine glückliche Nachbil-
dung der Ratfaelschen Poesie bekannt gewordene Kupfer-
stecher Hans Meyer, Lehrer an der Berliner Kunstakademie,
hat sich jetzt auch als frei schaffender Künstler in einem
Cyklus von 18 Bleistiftzeichnungen bewährt, die unter dem
Titel „Ein Totentanz" bei Ed. Schulte, Unter den Linden 4a,
zur Ausstellung gelangt sind. Wie die ähnlichen Bilder-
reihen Hans Holbeins d. j., Rethels und W. v. Kaulbachs ist
es jedoch kein eigentlicher Totentanz im Sinne der mittel-
alterlichen Kunst, sondern eine Folge von Scenen aus
unserer Zeit, durch welche die unheimliche Gewalt des plötz-
lich und unvermutet in das Leben eingreifenden Todes ver-
anschaulicht wird. Einer Cirkusreiterin, die sich eben zum
Sprunge anschickt, hält der als Clown verkleidete Tod den
Reifen vor. Einem Schlemmer, der, vom Wein berauscht,
bei üppiger Tafel eingeschlafen ist, weist er grinsend das
abgelaufene Stundenglas. Einen müden Wanderer führt er
als Hausknecht in die Thür der Herberge, und einer Schar
von Kranken, die sich vor einer Heilquelle sammeln, reicht
er höhnend die Schale, die Tod statt Leben spendet. Tou-
risten, die eine Wanderung durch ein Hochgebirge machen,
dient er als verräterischer Führer, und auf einem sechsten
Blatte fungirt er als Bahnwärter, der durch falsche Weichen-
stcllung zwei von entgegengesetzten Seiten heranbrausende
Eisenbahnzüge zum furchtbaren Zusammenstoße bringt. Auf
einem siebenten Blatte tritt er in einen Reigen junger Mäd-
chen, um sich die Jüngste und Schönste heraus zu holen, und
auf einem achten Blatte wartet er, bis ein Baum, den ein
Holzschlüger fällt, umstürzt und den Ahnungslosen zer-
schmettert. Auf der Mehrzahl der Blätter bilden reiche
Landschaften, die teils den Charakter des süddeutschen Ge-
birges tragen, teÜB an italienische Motive erinnern, die Hinter-
gründe. Die Figuren sind, je nachdem es der Vorwurf mit
sich brachte, in Tracht und Charakteristik modern-realistisch
oder in einem idealen Stile gehalten, der an die florentini-
schen Meister des 15. Jahrhunderts anklingt. Fast überall
fesseln die sorgfältige zeichnerische Durchführung und der

Reichtum der Komposition; dagegen fehlt es der Erfindung
wie der Darstellung an eigenartigen Zügen. Mehr als ein-
mal wird man an Rethel, W. v. Kaulbach und M. Klinger
erinnert, von denen besonders der letzte auf Meyer von
Einfluss gewesen zu sein scheint. — Von den übrigen Neu-
heiten der Ausstellung sind eine Sammlung von Feder- und
Tuschzeichnungen des Düsseldorfer Malers Arthur Kampf,
die in flotter Behandlung und in höchst lebensvoller Dar-
stellung das bunte Leben vor und hinter den Kulissen und
in den verschiedenen Teilen des Zuschauerraumes eines
Theaters schildern, zwei große Gouachebilder (anscheinend
Partien von der Elbemündung) von F. Schwinge in
Düsseldorf und eine Flussuferlandschaft voll feiner, poeti-
scher Stimmung von dem in München lebenden Ungarn
B. von Spanyi hervorzuheben. — Zwei bei Fr. Gurlitt aus-
gestellte Bildergruppen der beiden Münchener M. A. Stremcl
und B. Baum zeigen in wenig erfreulicher Art, wie
schnell das gefährliche Beispiel der Glasgower Malerschule
auf die neuerungssüchtige Münchener Künstlerjugend einge-
wirkt hat. Sie haben die reizlosesten Naturausschnitte,
Wiesen, Acker, Kornfelder, die eben abgemäht oder auf
denen die Garben in Bündeln aufgerichtet sind, mit den
rohesten Mitteln der Darstellung, mit dick zusammengepatz-
ten Farbenklecksen unter Verzichtleistung auf den geringsten
Stimmungsreiz wiedergegeben, noch derber und ursprüng-
licher als das von der Münchener Ausstellung von 1890 be-
kannte „Kornfeld" von James Guthrie, das diese neue
Ausartung naturalistischer Malerei ins Leben gerufen zu
haben scheint. Wenn diese Bilder wirklich nur, wie ihr
Titel lautet, „Freilichtstudien" sein sollen, so gehören sie
nicht in eine öffentliche Ausstellung. Reife Künstler, die
bereits auf wirkliche Erfolge zurückblicken können, haben
wohl ein Recht, ihr Studienmaterial gelegentlich zur Aus-
stellung zu bringen, nicht aber Anfänger, die durch weiter
nichts verblüffen als durch die gründliche Verachtung der
künstlerischen Form und des künstlerischen Empfindens. —
Von liebevollen und gründlichen Studien zeugt dagegen eine
zu gleicher Zeit ausgestellte Reihe von Öl- und Aquarell-
skizzen von Ernst Hatismann in Berlin, die der Künstler
auf einer Reise in Unteritalien und Sizilien, besonders wäh-
rend eines Aufenthaltes in Palermo, ausgeführt hat. Es sind
frisch der Natur nachgeschriebene, in ihrer vollen farbigen
Erscheinung glücklich wiedergegebene Straßenbilder, Scenen
aus dem Volksleben, Innenräume, Verkaufsgewölbe und
andere Architekturstücke, die dem Künstler ein reiches und
dankbares Material bieten, dessen Ausgestaltung zu durch-
geführten Bildern ihm ebenso glücklich gelingen möge!

»% Dir internationale Gemäldeausstellung in Stuttgart
ist am 1. März in der kgl. Staatsgalerie feierlich eröffnet worden.
Die Königin, die Prinzen, die Prinzessinnen und die Spitzen der
Gesellschaft wohnten der Feier bei. Der Ehrenpräsident der
Ausstellung, Prinz Wilhelm hielt die Festrede, in welcher
er auf den schönen Erfolg und die für das Stuttgarter Kunst-
leben hervorragende Beteiligung des In- und Auslandes hin-
wies und die Verdienste des Direktors Schraudolph hervor-
hob. Die Königin machte nach der Eröffnungsrede einen
Rundgang durch die Ausstellung, auf welcher Deutschland,
Österreich, Frankreich, Belgien, Holland, Italien und Spanien
vertreten sind. Von französischen Künstlern haben sich
Bouguereau, Carolus Duran, J. Lefebvre, Duez, Geröme,
Aublet, Gervex, Roll. Beraud, Cazin, P. Dubois, Dagnan-
Bouveret, Zuber u. a. beteiligt. Die Zahl der von ihnen aus-
gestellten Bilder, von denen einige nach den in Pariser
Blättern abgegebenen Erklärungen der Maler nur durch
Missverständnis auf der Durchreise nach Moskau in Stuttgart
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