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Lorke, Ariane; Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg [Contr.]
Kommunikation über Kirchenreform im 11. Jahrhundert (1030-1064): Themen, Personen, Strukturen — Mittelalter-Forschungen, Band 55: Ostfildern: Jan Thorbecke Verlag, 2019

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https://doi.org/10.11588/diglit.54853#0040
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II Charakteristika der Kirchenreform des
11. Jahrhunderts

Wie einleitend angedeutet, handelt es sich bei den hier fraglichen Ereignissen
nicht um spontan auftretende singuläre Erscheinungen, vielmehr erscheinen sie
als Teil eines über Jahrhunderte hinweg verbundenen sozio-ökonomischen
Entwicklungsprozesses. Diese langfristigen und multikausalen Prozesse reli-
giöser, wirtschaftlicher, sozialer und politischer Veränderungen am Übergang
von Früh- zum Hochmittelalter in ihrem Facettenreichtum zu beschreiben, hieße
allerdings, Gerd Tellenbachs Studie über die westliche Kirche vom 10. bis zum
12. Jahrhundert zu referieren.118
Stattdessen geht es gleich um den zentralen Teilbereich der Kirchenreform,
welcher in einem Dreischritt erschlossen wird: Was verstehen jeweils Quellen
und Forschung unter Reform bzw. Kirchenreform und welcher Begriff bildet die
Basis vorliegender Studie? Die darauffolgenden Abschnitte zwei und drei klären
die inhaltlich-sachliche sowie die personell-institutionelle Komponente dieses
Begriffes, um einerseits ein Grundverständnis für die Entfaltung der Kirchen-
reform zu vermitteln und andererseits die Analyse und Interpretation der
komplexen Beziehungen in Kapitel III zu entlasten. Angesichts der Gesamtfra-
gestellung ist dabei weniger der Veränderungsprozess selbst entscheidend,
sondern vielmehr die Frage, wie er sich kommunikativ gestaltete und welche
Konsequenzen dies hatte. Weil sowohl der inhaltliche wie der personelle Aspekt
zwei Seiten derselben Medaille bilden, sind Überschneidungen dabei nicht
gänzlich zu vermeiden.

II. 1 Zum Begriff Reform
Um nach der praktisch-technischen Seite von Kommunikation überhaupt fragen
zu können, muss zunächst die inhaltliche Seite des Untersuchungsfeldes abge-
steckt werden: Was bedeutet Reform bzw. Kirchenreform? Ausgehend von der
Terminologie der Quellen wird dazu die Begriffsverwendung in der Forschung
diskutiert, um über deren Analyseansätze und Erkenntnisse schließlich den hier
zugrundeliegenden Reformbegriff zu definieren.
Für das Verständnis des modernen Forschungsbegriffes119 ist die Erkenntnis
unabdingbar, dass die mittelalterlichen Quellen keinen singulären Reformbe-
griff kannten. Gerd Tellenbach hat dies exemplarisch für das Klosterwesen

118 Tellenbach, Kirche 1988.
119 Vgl. grundsätzlich Dipper, Grundbegriffe 2000 und Wolgast, Reform 1984. - Zum Begriff Re-
form vgl. außerdem Miethke, Reform 1995; K. A. Frech, Reform 1992, S. 91-99; Kieckhefer, Idea
1989; Leclercq - Weinfurter, Riforme 1983; Constable, Renewal 1982, S. 37-40; für diesen Zu-
sammenhang wenig erhellend Lumpe, Bedeutungsgeschichte 1982.
 
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