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Lorke, Ariane; Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg [Contr.]
Kommunikation über Kirchenreform im 11. Jahrhundert (1030-1064): Themen, Personen, Strukturen — Mittelalter-Forschungen, Band 55: Ostfildern: Jan Thorbecke Verlag, 2019

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https://doi.org/10.11588/diglit.54853#0186
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III. 1 Zum Begriff Kommunikation

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suchten Vermittlern und Medien.1049 In diesem Sinne fasste Freund 2007 zu-
sammen: „Kommunikation im Verständnis von lateinisch communicatio =
.Umgang', Verkehr',,Austausch' wird von der neueren Forschung im Sinne der
Habermas'schen Diskurstheorie als ein auf Verständigung zielender Hand-
lungszusammenhang verstanden, der nicht auf den bloßen Austausch von
Botschaften zwischen,Sender' und,Empfänger' beschränkt ist, sondern bei dem
es sich um Interaktion in einem ganz umfassenden Sinne handelt."1050 Dies
entspricht dem Verständnis Bernhards von Clairvaux, der im 12. Jahrhundert
unter communicatio das Mitteilen der Gedanken von Mensch zu Mensch mittels
Worten fasste, zudem aber auch ein Austauschen, Teilhaben und Miterleben von
Erfahrungen in einem umfassenden Sinn.1051
In diesem Sinne versteht auch die vorliegende Studie Kommunikation als
zwischenmenschlichen Austausch von Informationen, Ideen und Meinungen,
der durch Einzelpersonen, Netzwerke oder Institutionen vermittelt in verbaler
(mündlich oder schriftlich) oder symbolischer (Handlungsmuster, Gesten,
Kleidung, Bau- und Bildwerke etc.) Form erfolgt.1052 Dabei ist das Erkenntnis-
interesse weniger auf das gerichtet, was vermittelt werden soll als vielmehr
darauf, wie und durch wen ein Austausch zustande kam. Es geht also vorrangig
um Voraussetzungen, Ablauf, Ziele und Folgen mittelalterlicher Kommunika-
tion, die exemplarisch am Beispiel der Kirchenreform des 11. Jahrhunderts un-
tersucht werden.1053 Vor diesem Hintergrund soll im Folgenden einerseits die
Bedeutung von Einzelpersonen und Gruppen, also die personale Ebene, in den
Blick genommen werden. Andererseits werden daran anschließend strukturelle
Fragen nach den Kommunikationsmitteln, der Raumerfassung, Kommunikati-
onsarten und Widersprüche in der Kommunikation relevant.

1049 Vgl. Scior, Stimme 2005, S. 85. - Sowohl die Leitfragen von Menache, Vox 1990, S. 6 als auch
Depkat, Mediengeschichte 2003, S. 7 entsprechen im Wesentlichen der Lasswell-Formel (Lass-
well, Structure 1948, S. 37: „Who says what in which channel to whom with what effect"), was
deren andauernde Gültigkeit unterstreicht. Laswell hatte damit 1948 die Grundlagen der
Massenkommunikation beschrieben, welche die Faktoren Kommunikator, Mitteilung, Medium,
Rezipient und Wirkung in einer zwar simpel anmutenden, zugleich aber äußerst praktikablen
und erweiterbaren Definition umfasste.
1050 Freund, Flüsse 2007, S. 33. - Beispiele für diese neuere Forschung sind Stollberg-Rilinger,
Kommunikation 2004, S. 493: „Zugrundegelegt wird hier ein Kommunikationsbegriff, der jeden
elementaren Kommunikationsakt als Einheit und zugleich Differenz von Informationen, Mit-
teilung und Verstehen definiert. Bei Kommunikation handelt es sich nicht um das Senden einer
Botschaft von A nach B (...), sondern um eine wechselseitige Relation zwischen Personen. Sie
kommt zustande, wenn dreierlei zugleich der Fall ist: wenn erstens eine Information vorliegt, die
zweitens mitgeteilt und drittens als Mitteilung verstanden wird." sowie North, Kommunikation
2000, S. 45f., der Kommunikation als wechselseitig stattfindenden Prozess der Bedeutungsver-
mittlung versteht oder Kommunikation als vermittelten Prozess, wobei der Sender über ein
Medium mit dem Rezipient in Beziehung tritt und Informationen übermittelt.
1051 Vgl. Zulliger, Kommunikation 1996, S. 274.
1052 Diese Definition entstand im Rahmen des oben in Anm. 20 genannten Forschungsprojekts.
1053 Die Kirchenreform eignet sich insbesondere, weil religiöse Kommunikationssituationen nach
Röckelein, Kommunikation 2001, S. 12 maßgeblich an der Weiterentwicklung von Kommuni-
kationstechnologien und -medien im Mittelalter beteiligt gewesen seien. Zu Kommunikation als
sozialem Aspekt von Religion vgl. Tyrell, Kommunikation 2002.
 
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