Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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BESPRECHUNGEN. 23Q

kation den bescheideneren Titel »Bilder zur deutschen und schweizerischen Rechts-
pflege des 14.—16. Jahrhunderts« trüge.

Berlin. Edmund Hildebrandt.

Hans Prinzhorn, Bildnerei der Geisteskranken. Ein Beitrag zur Psycho-
logie und Psychopathologie der Gestaltung. Mit 187 zum Teil farbigen Ab-
bildungen im Text und auf 20 Tafeln. Verlag von Julius Springer, Berlin 1922.
VIII und 361 S.
Die Heidelberger psychiatrische Universitätsklinik besitzt eine sehr umfangreiche
Sammlung von Bildnereien der Geisteskranken. Hans Prinzhorn, der sich um das
Zustandekommen dieses hervorragenden Studienmaterials die größten Verdienste er-
worben hat, unterbreitet nun in dem stattlichen, vorzüglich illustrierten Bande die
Ergebnisse seiner Arbeit. In weiser Sichtung werden Malereien, Zeichnungen,.
Skulpturen usw. vorgeführt, und Prinzhorn begnügt sich nicht damit, einsichtsvolle
Krankengeschichten zu liefern; er versucht Deutungen und strebt danach, den spröden
und neuartigen Stoff in große Forschungszusammenhänge einzubauen. Ein anderer
wäre kaum für diese schwierigen Erwägungen so geeignet gewesen wie eben Prinz-
horn, der neben gründlicher philosophischer und psychologischer Schulung eine ge-
diegene psychiatrische Ausbildung mitbringt und außerdem eine künstlerisch leben-
dige und empfindsame Persönlichkeit ist. Gerade seine geisteswissenschaftliche
Orientierung — im Gegensatz zu einer rein naturwissenschaftlichen — läßt ihn die
Probleme so tief erfassen und verankern, daß ihre ganze Fruchtbarkeit und Weite
sich offenbaren.

Was den Nervenarzt allein angeht, ist Sache seiner Fachzeitschriften. Aber auch
der psychiatrische Laie sieht leicht ein, daß sich durch bildnerische Gestaltungen
Zugänge zu verschrobenem und abwegigem Seelenleben eröffnen; Zugänge, die bis-
weilen nicht weniger ergiebig sind als sprachliche Äußerungen. Zumal in den selt-
samen Fällen, wo Bildwerke voll eindringlicher Wucht und seelischen Reichtums
uns gegenübertreten, während die Verständigungsmöglichkeit durch Worte fast er-
loschen ist. Prinzhorn — unschwer begreiflich, daß er sich in sein Material ver-
liebt — greift einmal sogar zu dem Vergleich mit Grünewald, dem genialen Schöpfer
des Kolmarer Altars. Ich las in diesen Tagen von einer Verhandlung gegen eine
vertierte Kellnerin, die ihrem Mann haßdurchtränkt entgegenschrie: »Ich werde dich
so zugrunde richten, daß von dir nur die Augen übrig bleiben werden, um deinen
Untergang zu beweinen.« Diese Sätze könnte ein Strindberg oder ein Dostojewski
geschrieben haben. Aber jenes Mädchen war gewiß kein Strindberg oder Dosto-
jewski. Man sollte nicht gelegentliche Bruchstücke miteinander vergleichen, sondern,
muß Werk gegen Werk, Person gegen Person setzen: da werden die Unterschiede
und Gegensätze deutlich greifbar. Prinzhorn betont selbst, daß beim Schizophrenen
die Einfälle häufig hemmungslos sich aneinanderreihen, wodurch aus dem triebhaften
Rhythmus seiner Strichführung manchmal eine äußere formale Einheitlichkeit sich
ergibt, der eine innere stoffliche nicht entspricht. »In günstigen Fällen schließen
sich die beiden an sich divergenten Tendenzen — nämlich Stoffgestaltung und formale
Einheitstendenz — wohl einmal ohne bewußte Führung zusammen; dann entstehen
Werke, die auf dem Boden ernsthafter Kunst gewertet werden müssen. Meistens-
aber macht der Gestaltungsvorgang sozusagen kurz vor der eigentlichen Schöpfung
halt — die Einfälle bewahren sich noch ihr selbständiges Dasein, ohne sich einer
Obervorstellung einzuordnen; die Eigenbewegung der Elemente hält sich noch un-
abhängig von dem Rhythmus des Gesamtwerkes. Oder aber dieser Rhythmus setzt
sich rücksichtslos durch und vergewaltigt die Einzelform — was bei weitem häufiger
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