Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 8.1913

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Bemerkungen.

Kongreß für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft.

Im Juli 1912 versandte der Herausgeber an eine große Zahl von Fachgelehrten
und an einige Künstler, die theoretisches Interesse bewiesen haben, das folgende
Rundschreiben:

»Von verschiedenen Seiten ist an den Unterzeichneten die Anregung heran-
getreten, einen ,Kongreß für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft' in die
Wege zu leiten. Dieser Gedanke wurde zunächst in der Berliner ,Vereinigung für
ästhetische Forschung' besprochen und fand dort Freunde wie Gegner. Die Gegner
äußern das Bedenken, daß Kongresse nur selten eine wirkliche Förderung der
Wissenschaft bedeuten und daß demnach ihre Vermehrung nicht wünschenswert
erscheine; im besonderen wenden sie ein, daß bei unserer noch wenig gefestigten
und vereinheitlichten Wissenschaft die gegenseitige Verständigung schon unter
philosophischen und psychologischen Ästhetikern erschwert, zwischen diesen und
den Forschern auf den verschiedenen Kunstgebieten aber nahezu ausgeschlossen
sei. Die Freunde des Planes dagegen erklären eine Verständigung für möglich
und für dringend erforderlich; sie verweisen darauf, daß bei den Zusammenkünften
der Philosophen und Psychologen, der Ethnologen und Soziologen, der Literatur-,
Kunst- und Musikforscher sowie bei den vielerlei Versammlungen von Kunstpäda-
gogen die ästhetischen Probleme zwar regelmäßig herangezogen, indessen niemals
in ihrem inneren Zusammenhang erörtert werden. Sie folgern daraus die Not-
wendigkeit eines Kongresses für Ästhetik und die gesamte Kunstwissenschaft, so-
weit sie systematisch, d. h. nicht reine Materialforschung und bloß historische Unter-
suchung ist.

»Bei dieser Sachlage hielt es die Bereinigung für ästhetische Forschung' immer-
hin für wünschenswert, an die ihr bekannten Vertreter wissenschaftlich-ästhetischer
Interessen die Anfrage zu richten, wie sie sich zu dem Plane stellen. Ich bitte
daher auch Sie, sehr geehrter Herr, mir gütigst Ihre Ansicht mitzuteilen und für
den Fall, daß sie dem Kongreßgedanken günstig ist, Ratschläge über Zeitpunkt,
Ort und Einrichtung des Kongresses beizufügen. Ist eine überwiegende Mehrheit
zugunsten des Planes vorhanden, so wird ein Ausschuß aus deutschen und aus-
ländischen Fachvertretern zur Vorbereitung des Kongresses gebildet werden; im
anderen Falle erfolgt keine weitere Nachricht.«

Auf diese Anfrage gingen so viele dem Plane zustimmende Antworten ein, daß
er weiter verfolgt werden konnte. Die meisten der Befragten rieten, als Verhand-
lungssprache nur die deutsche Sprache zuzulassen, was ja nicht ausschließt, daß
auch fremdländische Gelehrte eingeladen werden; die Mehrzahl der Stimmen ver-
einigte sich ferner auf Berlin als Ort der Tagung und auf den Anfang des Ok-
tober 1913 als ihren Zeitpunkt. So war denn die erste Aufgabe, einen Ausschuß
aus deutschen Vertretern der verschiedenen, hier in Betracht kommenden Fächer
zu bilden. Diesem »Großen Ausschuß« sind bisher d. h. bis zum Redaktionsschluß
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