Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 9.1914

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BESPRECHUNGEN. 265

nicht empfunden wird; Werte, die nur werden, fortwährend leben und sterben,
sind vorübergehende Werte, Werte von sehr beschränkter Gültigkeit.

Wie Lalo übrigens gegenüber dem Inhaltlichen der einzelnen Wer-
tungen sich den soziologischen Gesichtspunkt denkt, darüber steht nichts mehr in
dem Buch, und gerade hier wäre ein sehr fruchtbares Feld für die soziologische
Methode. Man kann z. B. ein bestimmtes Einzelproblem, wie die Wertbetonung
der Mitte in den bildenden Künsten, zum guten Teil mit soziologischen Gesichts-
punkten erhellen und kann über das rein Formale an der Komposition in der
Malerei gut mit Hilfe gesellschaftlicher Rangvorstellungen handeln; aber das be-
trifft eben alles den Inhalt bestimmter Formprinzipien oder einzelner Werte, nicht
aber den Wert als solchen oder den Akt der Wertung. Dieser enthält, wie gesagt,
nach meiner Ansicht nur soziologische Nebentöne im Bewußtseinsbefund, und die
Erklärung durch unbewußte Vererbung aus Erfahrungen der Art oder aus dem
Kulturgang der Geschichte würde faßbares Material immer nur zur Erklärung be-
stimmter Einzelwertungen liefern.

Doch genug, man hat gesehen: das Buch verhilft gut zu einer Klärung
mancher Begriffe, aber man muß sie recht oft selber besorgen.

Friedenau. Erich Everth.

Hans aus der Fuente, Wilh. von Humboldts Forschungen über Ästhe-
tik. Gießen 1912, Töpelmann. Philosophische Arbeiten, herausgegeb. von
H. Cohen und P. Natorp. IV. Bd., 3. Heft. IV u. 144 S.

Die Arbeit gibt ein fleißiges Referat aus Humboldts ästhetischen Schriften,
ohne doch einen einheitlichen Gesichtspunkt zu finden: er wäre, glaube ich, in
Humboldts Bedürfnis zu suchen, zu charakterisieren, d.h. das Universum als
ein wohlgeordnetes und bis zum Rande gefülltes System aufzufassen, innerhalb
dessen jedes Ding und jede Einzelexistenz ihren genau bestimmbaren Platz hat,
den es eben festzustellen gilt. Humboldt ist deshalb doch wohl mehr Metaphysiker,
als Fuente in seiner Polemik gegen Spranger (S. 46, Ein!, u. ö.) zugeben möchte;
wogegen wir ihm in dem Lob der Analysen Fritzsches (S. 50, 77 u. ö.) beistimmen.
— Unrichtig scheint uns wieder die unhistorische Isolierung, eine Arbeit über Hum-
boldt den Ästhetiker und Sprachphilosophen, in der Herder nicht genannt wird!
Übrigens sind gerade die Abschnitte über Sprachphilosophie (S. 73 f.) neben denen
über das System der Künste (S. 86 f.) gut gelungen; was uns an diesen Forschungen
(etwa in dem pedantischen Buch über > Herrmann und Dorothea«) altmodisch vor-
kommen muß, bleibt freilich unerklärt.

Berlin. Richard M. Meyer.

Chr. Schrempf, Lessing. B. G. Teubner, Leipzig 1913 (Aus Natur und Geistes-
welt 493).
Kein Beruf verleiht in solchem Grade einen character indelebilis wie der des
Geistlichen — höchstens ist auch wieder in diesem Sinne der des Schauspielers zu
vergleichen. Auch der pretredefroque bleibt im Habit; wie sehr, beweist wieder dies
Büchlein des wegen seiner Überzeugungen so mannhaft aus seinem Beruf geschie-
denen früheren Pfarrers Schrempf. Gewiß gehen die Eigenschaften des geistreichen
Werkchens, die hierdurch gekennzeichnet sind, aus dem lobenswertesten Streben
nach Unparteilichkeit hervor; und deshalb gibt uns auch die Kälte, mit der Lessing
von einem ihm mannigfach verwandten Geist behandelt wird, kein Recht, in seiner
eigenen Manier die Frage aufzuwerfen, ob der Verfasser einer wahren Liebe fähig
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