Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 9.1914

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568 BESPRECHUNGEN.

deine Meinung Gesagte bereite eine Antwort vor.« Wenn dies die obersten Ge-
bote für einen Redner sind, dann hatte Bismarck freilich recht, als er die Beredsam-
keit eine geistige Funktion zweiten Ranges nannte. Aus einem anderen Grunde gilt
dieser Ausspruch aber auch für die volkstümliche Beredsamkeit. Ich habe mehrmals
Stöcker und Booth sprechen hören. Sie waren gewiß echte und erfolgreiche Volks-
redner. Worin bestand ihre Technik? Kurze Sätze; in jedem Satz nur ein Ge-
danke ; Gedanken wie Sätze nicht innerlich miteinander verbunden, sondern einfach
nebeneinander gestellt; nirgends ein Ebenmaß der Gliederung, sondern das Ganze
beherrscht von dem Verlangen nach inhaltlicher Steigerung.

Der wissenschaftliche Vortrag steht unter ganz anderen Bedingungen. Daß auch
er ästhetisch befriedigend gestaltet werden kann, ist durch einige — wenige — Ka-
thederredner bewiesen worden. Es wäre zu wünschen, daß Dozenten sich über den
Gegenstand äußerten, so wie es Wallaschek freimütig und anregend getan hat.

Berlin.

Max Dessoir.

Konrad Fiedlers Schriften über Kunst. Bd. II, Nachlaß. Herausgegeben
von Herrn. Konnerth. München, Piper u. Co., 1914. 8°. XV u. 479 S.

Der Herausgeber bemerkt richtig, daß für Fiedler das Nachdenken über Kunst
den wesentlichen Inhalt seines geistigen Lebens bildete: ich erinnere mich, wie
Hans Marbach in einem Gespräch denselben Gedanken zum Ausgangspunkt einer
biographischen Darstellung machte. Bei einer so dauernden und durchgreifenden
Beschäftigung mit Philosophie der Kunst sind natürlich neben dem Hauptwerk viele
und zum Teil umfangreiche Aufzeichnungen entstanden; sie werden uns jetzt gut
geordnet vorgelegt. Zunächst Aphorismen über das Verhältnis von Kunsttheorie
und Ästhetik. Fiedler meint, Ästhetik habe es mit einer bestimmten Art von Ge-
fühlen, Kunst hingegen mit einer bestimmten Art von Erkenntnis zu tun; das Kunst-
bedürfnis des Menschen strebe keineswegs zu dem Ziel, eine Welt des Schönen zu
erzeugen. In einer zweiten Gruppe von Aphorismen werden die Ähnlichkeiten
zwischen Kunst und Wissenschaft erörtert (Kunst ist Ausbildung des intuitiven Be-
wußtseins), dann folgen allgemeinere, vom Herausgeber klug auf Gruppen verteilte
Reflexionen, aus denen diejenigen über Kunstgeschichte hervorzuheben sind. Hinzu
treten größere Arbeiten. Sie sind ausgezeichnet durch erkenntniskritische Vertiefung
in die Begriffe Erscheinung, Wirklichkeit, Sein, und beweisen von neuem, wie ernst-
haft Fiedler philosophischer Forschung hingegeben war. Die Bemerkungen über
Winckelmann usw. und über die Baukunst scheinen weniger belangreich.

Berlin.

Max Dessoir.

Wilhelm Bolze, Schillers philosophische Begründung der Ästhetik
der Tragödie. Leipzig 1913, Xenien-Verlag.

Die Grundlagen, auf denen Schillers philosophische Entwicklung ruht und auf
denen sich jener ästhetische Idealismus entwickeln konnte, der in diesem Dichter
eine so sympathische Verkörperung gefunden hat, liegen in den Bezirken Immanuel
Kants, in die hinein Schiller während seiner Jenenser Zeit trat, tieferschüttert von
dem ungeheuren Reichtum, der sich ihm darbot.

In neuerer Zeit allerdings wurde ja von Sommer, in seiner Geschichte der
Psychologie und Ästhetik, und anderen Gelehrten der erfolglose Versuch unter-
nommen, Schillers philosophische Voraussetzungen in anderen Lagern zu suchen
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