Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 12.1917

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148 BESPRECHUNGEN.

K. Doehlemann, Grundzüge der Perspektive nebst An Wendungen.
Leipzig-Berlin, Teubner. 1916. (Aus Natur und Geisteswelt.) 104 S. Mit
91 Figuren und 11 Abbildungen.

Ist es ein noch nicht völlig geschlichteter Streit, ob die Kunstwerke für den G e n u ß
einer Analyse bedürfen, überhaupt nur vertragen, oder ob sie wie eine Offenbarung
zu wirken vermögen, so steht es für die wissenschaftliche Betrachtung
und Bearbeitung der Kunstwerke naturgemäß außer Frage, daß sie nur rattone
ac via ihre Resultate gewinnen kann. Und gehen in der näheren Bestimmung dieser
Methode die gelehrten Meinungen sofort [wieder auseinander, mag es sich um
Kunstgeschichte oder Ästhetik oder Kunstwissenschaft — um den Gesichtspunkt auf
die bildenden Künste einzuschränken — handeln, so wird doch unter anderem eines,
und ist es gegenüber den prinzipiellen Fragen der Methode auch ein kleines, wohl
allseitig gern anerkannt: es ist für den Kunsttheoretiker für jeden Fall recht
wünschenswert, daß er auch vielseitige »handwerkliche« Kenntnisse besitze.

Unter diesem Gesichtspunkt sei an diesem Orte oben genanntes Büchlein an-
gezeigt.

Der Gegenstand: die Linearperspektive, bedingt natürlich das Mathematische des
Inhalts und der Darstellung. Und es ist sicher gut, daß der Verf. statt »allgemeiner
und verschwommener Redensarten« mathematisch »klare Begriffe und Vorstellungen«
vermitteln wollte. Aber doch möchte uns scheinen, es wäre für eine Neuauflage
wünschenswert, daß der mathematisch entwickelnde Text in direktere Beziehung zu
den beigegebenen Abbildungen von Kunstwerken gesetzt würde, und umgekehrt, und
das in der Weise, daß das mathematisch Deduzierte regressiv an den Abbildungen
aufgezeigt würde. Die auf ihnen eingetragenen Linien sind für den Nichtmathe-
matiker trotz der vorausgegangenen mathematischen Entwicklung im einzelnen Fall
vor allem in ihrer Herkunft nicht evident. Außerdem dürfte es viele ästhetisch Ver-
anlagte geben, die mit mehr Nutzen vom Bild ablesen als von einer mathematischen
Deduktion lernen. Auf solche Weise würden dann Grundbegriffe wie der des
»Augpunktes« und Sätze wie der vom »Fluchtpunkt« oder der »Distanz« nach der
einen Seite hin ihre rechte Anschaulichkeit und nach der anderen ihre volle Sicher-
heit gewinnen.

Es hätte sich wohl auch empfohlen, ins Literaturverzeichnis das eine oder
andere Werk von den alten Künstlern aufzunehmen, die sich mit dem Problem
theoretisch auseinandergesetzt hatten. Dürers »Unterweisung der Messung mit Zirkel
und Richtscheit« ist wohl im Text genannt.

München. Georg Schwaiger.
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