Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 12.1917

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VIII.

Faust, der Tragödie zweiter Teil:
Studien zur inneren Form des Werkes.

Von

Helene Herrmann.

(Schluß.)

b) Homunkulus und Eüphorion.

Noch zwei Erscheinungen erwachsen ganz aus dem Zweiten Teil;
ihre Umrisse können und müssen daher nur in seiner Struktur auf-
gesucht werden, indes es möglich, ja in gewissem Sinne rätlich
scheint, die Hauptgestalten, die beide Teile tragen, so zu betrachten,
daß ihre Existenz im Zweiten Teil von der im Ersten mitbeleuchtet
wird.

Homunkulus und Eüphorion sind jene zwei Erscheinungen.

Sie sind beide Episoden. Doch so kurz auch ihr Leben im Werke
währen mag, es hat ganz andere Selbständigkeit, ganz anderes Gewicht
als das der vielen »Relieffiguren« in all den verschiedenen Welt-
schichten, die das Werk aufbaut.

Was aber sind denn diese Wesen für Formgebilde? Allegorien?
Menschlich gebildete Dämonen?

Wer sie Allegorien nennen will, der mag sich auf Goethe selbst
berufen, zumindest für den Eüphorion: »Der Eüphorion ist kein
menschliches, sondern nur ein allegorisches Wesen. Es ist in ihm
die Poesie personifiziert, die an keine Zeit, an keinen Ort und an keine
Person gebunden ist« 1).

Hier muß aber bedacht werden, bei welcher Gelegenheit diese
Worte gesprochen sind. Goethe will mit ihnen das Befremdende auf-
klären, daß Eüphorion, der erst im dritten Akt als der Sohn Fausts
und Helenas geboren wird, schon im ersten als »Knabe Lenker« auf
dem Wagen des Plutus erscheint, d. h. also bei dem verkleideten
Faust der »Mummenschanz«.

Also wehrt hier das Wort »Allegorie« mehr die Vorstellung eines

') Goethes Gespräche. Neu herausg. von F. v. Biedermann. Bd. 4, Leipzig
1910, S. 184.
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