Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 12.1917

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VII.

Kritische Erörterungen zur Prinzipienlehre
der Kunstwissenschaft.

Von

Oskar Wulff.

(Schluß.)

Die sich in dialektischen Widersprüchen bewegende und selbst-
beschränkende Gedankenarbeit Tietzes bestimmt schon seine Stellung-
nahme zum prähistorischen und volkskundlichen Stoff bei der Ab-
grenzung des Forschungsgebiets der genetischen Kunstgeschichte.
Wegen der mangelnden »Verbindungslinien zwischen den einzelnen
Erscheinungen — kann« zwar diesem gegenüber »eine historische
Fragestellung« kaum erfolgen, da die Fragen der geschichtlichen Ent-
wicklung leicht mit »denen des psychologischen Stammbaums der
Kunst verschmelzen«, doch ermögliche besonders die Ethnologie der
Kunstgeschichte durch die Einsicht in die von ihr eröffneten Entwick-
lungsvorgänge »Einblicke in ähnliche Prozesse auf anderen Gebieten«1).
Demnach beruht die Absonderung der Kunstgeschichte von jenen
Wissensgebieten für Tietze vor allem oder mehr auf Zweckmäßigkeit
oder Bequemlichkeit als auf innerer Notwendigkeit, — ja geradezu auf
Willkür. Nun handelt es sich aber doch dabei nicht nur und in der
Hauptsache nicht um die Aufnahme ihres gesamten Forschungsinhalts
in die erstere, — sondern gerade um die Auffindung allgemeingül-
tiger Maßstäbe. Und wenn mit Recht auch der Völkerpsychologie
gegenüber, in die sie insgesamt eingehen, die Forderung aufgestellt
worden ist, daß auch sie die ästhetische Wurzel der Kunst als Ent-
stehungsgrund und »Hausgesetz« derselben nicht übersehen darf2),
so behalten zweifellos umgekehrt die völkerpsychologischen Ge-
sichtspunkte ihre Geltung auch für die chronologisch gesichteten
Tatbestände der geschichtlichen Kunstentwicklung. Das Kräftespiel
des Kunstwollens ist eben ohne sie so wenig schärfer zu erfassen wie
ohne psychologisch begründete kunstwissenschaftliche Grundbegriffe.

') Tietze, Die Methode der Kunstgeschichte, S. 57 ff.

2) Schmarsow, Zeitschr. f. Ästhet, u. allgem. Kunstwiss. 1907, II, S. 310 ff.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XII. 18
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