Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 12.1917

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Bemerkungen.

Die dramatische Einheit des „Kaufmann von Venedig"
als einer Komödie 1).

Von
Albert Görland.

Der unvergleichlich tiefe Gehalt dieses Shakespeareschen Dramas ist in großen
Teilen so lastend und voll tragischer Probleme, daß es schwer ist, einzugestehen,
das Ganze sei gleichwohl eine klassische Komödie.

Zweifellos der stärkste Eindruck auf unser Empfinden geht von dem Schicksal
des Juden Shylock aus. Seine Gestalt ist von Shakespeare so monumental gesehen,
daß alles über sie richtende Urteil erschüttert sich bescheiden muß. Darum ist es
denn auch beinahe unerträglich, daß dies Werk von der Literaturgeschichte als
Komödie bezeichnet wird.

Um uns den ästhetischen Blickpunkt für dieses unerschöpfliche Kunstwerk zu
gewinnen, müssen wir das Interesse für diese oder jene Person als ein Interesse
zweiten Grades zurücktreten lassen vor dem Interesse an der Einheit der dra-
matischen Handlung. Dieses allein hat unsere Stellung zu dem Werke als
einem Drama zu bestimmen; die Menschen, die der Dichter für die Handlung er-
schaut, sind Mittel dieser Handlung, also durch sie bestimmt. So will es der Stil-
charakter der Kunsty Das naive Leben mag umgekehrt verfahren; das freie Ge-
schehen des Tages bekommt seine bestimmte Gestalt und die besondere Art des
Geschehens dadurch, daß Menschen von bestimmter Art in einem bestimmten Wir-
kungskreise sich zusammengefunden haben. Die Kunst ist Herr des Geschehens
und darum der Menschen, in denen das Geschehen sich zu verwirklichen hat.

Dem ästhetischen Interesse an der Einheit des Dramas, als der Einheit der
Handlung, kann es nicht genügen, wenn, wie Schlegel in seinem »Englischen und
spanischen Theater« sagt, »die Auftritte auf dem Landsitze der Portia durch die Ver-
kettung der Ursachen und Wirkungen genau mit der Hauptsache zusammenhängen:
die Ausrüstung Bassanios zu seiner Brautwerbung ist schuld, daß Antonio die ge-
*>-. fährliche Verschreibung eingeht, und Portia rettet wiederum durch den Rat ihres

Oheims, eines berühmten Rechtsgelehrten, den Freund ihres Geliebten«. Ebenso
unbefriedigend betrachtet Schlegel den fünften Aufzug mit dem Liebesstreit über
die weggegebenen Ringe nur als ein musikalisches Nachspiel, um den Zuschauer
nicht mit den trüben Eindrücken des vorhergehenden Auftrittes zu entlassen. Und
müssen wir bei einem Genius wie Shakespeare nicht fragen, warum er das
Schicksal dieser herrlichen Gestalt der Portia gerade davon abhängig macht, wie
die vom Zufall zusammengewehten Freier sich zu den Sprüchen stellen, die als
Inschriften auf jenen drei entscheidenden Kästchen stehen? Handelt es sich bei

') Aus dem dritten Vortrag über die Idee des Zufalls in der Geschichte der
Komödie (siehe XI. Band, 3. Heft, S. 272-285 dieser Zeitschrift).

Zeitschr. f. Ästhetik-u. allg. Kunstwissenschaft. XII. 15
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