Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 12.1917

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I.

Kritische Erörterungen zur Prinzipienlehre
der Kunstwissenschaft.

Von

Oskar Wulff.

Die Bearbeitung der methodischen Prinzipien einer neuen Wissen-
schaft pflegt erst nach einem längeren Zeitraum reiner Tatsachen-
forschung einzusetzen. Erst die Beobachtung, daß sich die Frage-
stellungen den Tatbeständen gegenüber wiederholen, führt zur Aufstel-
lung von Leitbegriffen und Formeln, mit denen sich die gesetzmäßigen
Beziehungen der Erscheinungen ausdrücken lassen. Dann aber er-
wc - 1 angesichts der Gefahr des aneinander Vorbeiredens auch der
Ettang nach Besinnung und Verständigung über das Begriffliche, zu-
mal in den Geisteswissenschaften, für die sich noch keine allgemein-
gültigen Grundgesetze, wie der Satz von der Erhaltung der Energie in
der Naturwissenschaft, haben aufstellen lassen. Diesen gesunden Ent-
wicklungsgang, aber auch dieses wachsende Bedürfnis läßt heute die
Kunstwissenschaft — gemeint ist hier die Wissenschaft von der
bildenden Kunst allein im Unterschiede von der allgemeinen Kunst-
wissenschaft — erkennen. Den Bemühungen, die innere Gesetzmäßigkeit
des künstlerischen Schaffens theoretisch zu ergründen, von denen meh-
rere Werke der letzten anderthalb Jahrzehnte zeugen J), sind neuerdings
zwei Versuche gefolgt, welche die Begriffsbildung der kunstgeschicht-
lichen Methode fördern wollen. Der Wiener Kunsthistoriker H. Tietze
hat 1913 den ersten Versuch einer systematischen Begründung der »Me-
thode der Kunstgeschichte« unternommen2). Das vorige Jahr aber

1) L. Volkmann, Die Grenzen der Künste, Leipzig 1903, der mit selbständigem
Urteil die Lehren von Ad. Hildebrand und Schmarsows theoretische Arbeiten ver-
wertet hat; H. Cornelius, Elementargesetze der bildenden Kunst, Leipzig und Berlin
1908 und 19112, fußt einseitig auf den ersteren und sucht sie erkenntnistheoretisch
zu befestigen (vgl. die Besprechung von E. v. d. Bercken, Zeitschr. f. Ästhet, u. allgem.
Kunstwissensch. 1909, IV, S. 129 ff.); W. Waetzoldt, Einführung in die bildende
Kunst, Berlin 1912, läßt einen bestimmten systematischen Standpunkt vermissen.

2) H. Tietze, Die Methode der Kunstgeschichte, Leipzig 1913.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XII. 1


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