Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 12.1917

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BEMERKUNGEN. 231

Aufgaben und Methoden einer normativen Kunstwissenschaft.

Von

Heinrich Herrf ahrdt').

Was zunächst die Probleme anbetrifft, die eine normative Kunstwissenschaft
zu beantworten haben würde, so müssen wir uns klarmachen, daß die Aufgabe
einer Normativwissenschaft nie damit erfüllt ist, wenn sie Werturteile über ihren
Gegenstand fällt. Ein Werturteil ist nichts als ein unfertiges Soll-Urteil; zu Ende
gedacht ist es erst, wenn es sich in Form des Sollens an bestimmte Personen
wendet. Da nun für die Kunstwissenschaft mindestens zwei ganz verschiedene
Personengruppen bestehen, nämlich diekunstgenießende Menschh ei t einer-
seits und die schaffenden Künstler und alle die auf das künstlerische Schaffen
Einfluß haben könnten, anderseits, so hat auch die normative Kunstwissenschaft
mindestens zwei ganz verschiedene Probleme zu beantworten, nämlich erstens die
Frage, unter welchen Voraussetzungen ein Kunstwerk wert ist, der Menschheit zum
Genuß empfohlen oder dargeboten zu werden, und zweitens, in welcher Richtung
und mit welchen Mitteln das künstlerische Schaffen beeinflußt werden soll. Wir
dürfen also nicht von einem Werturteil über ein Kunstwerk, eine Kunstrichtung
oder einen Künstler sprechen, sondern von einem Soll-Urteil über das Kunstgenießen
und einem Soll-Urteil über das Kunstschaffen. In diesen beiden Fragen können
wir zu entgegengesetzten Werturteilen über ein und dasselbe Kunstwerk gelangen.
Es kann sein, daß ein Kunstwerk in der Gesamtheit seiner Wirkungen der Mensch-
heit durchaus nicht zum Genuß empfohlen werden kann, daß es aber anderseits
für die Kunst einen Fortschritt bedeutet, indem es z. B. neue Ausdrucksmittel schafft,
die, von späteren Künstlern auf andere inhaltliche Probleme angewandt, zum Her-
vorbringen von Kunstwerken führen können, die doch wieder für die kunstgenießende
Menschheit von Wert sind. Anderseits kann ein Werk, das für die Kunst völlig
bedeutungslos erscheint, weil es keine neuen künstlerischen Probleme löst, doch
für die Menschheit, namentlich für das große Publikum, von hohem Wert sein, weil
es z. B. seinem Inhalt nach Probleme behandelt, die als solche für die Menschheit
von Bedeutung sind. — Die erste Forderung, die die Wissenschaft an alle Kunst-
kritik und alles sonstige Urteilen über Kunst und Kunstwerke zu richten hat, ist
also die, daß man sich völlig klar darüber sein muß, über welches Problem man
spricht, über das Kunstgenießen oder über das Kunstschaffen. Bei genauerer Frage-
stellung zerfällt auch jedes dieser Probleme wieder in eine ganze Reihe von Einzel-
problemen, von denen jedes seine besondere Antwort erfordert.

Ich wende mich nun zu dem ersten Problem, der Beurteilung von Kunstwerken
in ihrer Bedeutung für die kunstgenießende Menschheit. Die Problem-
stellung als solche rechtfertigt sich durch die einfache Tatsache, daß es unendlich
viel mehr Kunstwerke gibt, als der einzelne Mensch im Laufe seines Lebens in sich
aufnehmen kann; es muß daher eine Selektion stattfinden, und diese ist um so wich-
tiger, je weniger der einzelne Mensch Zeit für den Kunstgenuß verwenden kann
und je weniger er imstande ist, selbst die richtige Auswahl zu treffen.

a) Die Lösung dieser Aufgabe pflegt heute unter zwei grundlegenden Fehlern
zu leiden. Der erste beruht auf dem Vermischen der beiden oben genannten

') Die Arbeit ist das Bruchstück einer größeren Abhandlung, die sich als
Sonderdruck im Besitz des Herrn Verfassers befindet. Der Herausgeber.
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