Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 12.1917

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Bemerkungen.

Deutscher und antiker Vers.

Von

Hans Lorenz Stoltenberg.

Die folgenden Darlegungen beabsichtigen, die von Andreas Heusler1) kürzlich
entwickelten Lehren weiterzuführen.

Auf die Frage: »wie können wir in deutscher Sprache antike Versmaße nach-
bilden?« (S. 1) hat es nach Heusler bisher drei Antworten gegeben:

1. »Man sagte: der antiken Länge entspricht die deutsche Silbenlänge, der an-
tiken Kürze die deutsche Silbenkürze« (S. 3), wobei Länge und Kürze, dem Latei-
nischen entsprechend, »mechanisch und nicht einmal folgerecht« durch die Eigenart
der Klanglaute (natura) oder aber durch die Anzahl der folgenden Geräuschlaute
(positione) bestimmt wurden.

2. Man sagte: »eine deutsche Länge für die antike Länge, eine deutsche Kürze
für die antike Kürze« (S. 7), wobei aber Länge für die ; starken« Silben gebraucht
wurde, Kürze für die »schwachen-.

3. »Der deutsche Versbau rechnet nicht mit langen und kurzen Silben, nur mit
betonten und unbetonten. Antike Verse bilden wir so nach, daß wir ihrer Länge
eine betonte Silbe, ihrer Kürze eine unbetonte Silbe gegenüberstellen« (S. 19).

Diese drei Antworten seien aber falsch. Einzig richtig sei vielmehr die folgende
— von ihm selber aufgestellte — vierte: »Antike Verse bilden wir dadurch nach,
daß wir für ihre Hebungssilben, gleichviel ob lang oder kurz, gehobene, also
hebungsfähige Silben setzen und für ihre Senkungssilben, gleichviel ob kurz oder
lang, gesenkte, also senkungsfähige Silben« (S. 24). Das heißt mit anderen Worten:
wir berücksichtigen überhaupt nicht antike Längen (—) oder Kürzen (w), sondern
nur die — allerdings in den Schemen so gut wie nie angegebenen und oft sogar
nicht einmal bekannten (S. 25) — Ikten und setzen dafür starkbetonte Silben.

»Die Gleichung« ist nun endlich nicht mehr »Dauer = Nachdruck; sondern : Nach-
druck = Nachdruck« (S. 22).

Diese Erkenntnis — dieser Wille vielmehr — ist in der Tat die einzig mög-
liche Grundlage, die unbedingte Voraussetzung für jede Übertragung antiker
Versmaße, und für sie kann man dem Verfasser nicht genug dankbar sein.

Aus ihr ergibt sich dann auch, daß Füße, die nach dem dritten Grundsatz

schwer oder gar nicht wiederzugeben waren, wie etwa------oder----------oder

auch w ^ -_- ^- u. a., nun — mit ihrem richtigen oder überhaupt mit einem Iktus
versehen — sehr wohl übertragen werden können.

Ganz richtig heißt es deshalb (S. 32), in bezug auf mehrere Kürzen hinter-
einander müßte man in Wirklichkeit fragen: »Wo liegen die Ikten? Dann erst
könnte man nach dem deutschen Gegenbilde fragen, und die Antwort wäre eben,

') A. Heusler, Deutscher und antiker Vers. Straßburg i. E., Trübner, 1917.
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