Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 12.1917

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XI.

Aristotelisches und Plotinisches
bei J. C. Scaliger und Giordano Bruno.

Von
Oskar Walzel.

Endlich beginnt auch deutsche Wissenschaft sich etwas näher mit
Julius Cäsar Scaliger zu befassen. Lange Zeit begnügte sie sich mit
dem Bewußtsein, daß Scaligers Poetik die Voraussetzung aller Ver-
suche des 17. wie des 18. Jahrhunderts sei, dem Wesen der Dich-
tung näher zu kommen und deren Gestaltungsmöglichkeiten aufzu-
zählen. Aber fast durchaus nannte man ihn nur da, wo einer der
vielen Vertreter von Ästhetik und Poetik aus diesen beiden Jahrhun-
derten sich mehr oder minder ausdrücklich auf ihn bezieht. Selbst
Karl Borinskis wertvolle Arbeit von 1886 über die Poetik der Re-
naissance in Deutschland begnügte sich im wesentlichen mit der Fest-
stellung der Tatsache, daß Scaliger die Grundlage geschaffen habe
für die Lehren und für die Schriften, von denen das Buch Borinskis
berichtet. Das Jahr 1Q14 schenkte uns endlich eine Monographie von
Eduard Brinkschulte über »Julius Cäsar Scaligers kunsttheoretische An-
schauungen und deren Hauptquellen«. Sie bildet das zehnte Heft von
Adolf Dyroffs Sammlung »Renaissance und Philosophie. Beiträge zur
Geschichte der Philosophie«. Im gleichen Jahre veröffentlichte Borinski
den ersten Band seines groß angelegten Werks Die Antike in Poetik
und Kunsttheorie vom Ausgang des klassischen Altertums bis auf
Goethe und Wilhelm von Humboldt« im neunten Band der Samm-
lung »Das Erbe der Alten«. Borinskis reiches Wissen, seine gründ-
liche Kenntnis der Gedankenzusammenhänge, die zwischen der Antike
und der Renaissance bestehen, kommt hier auch Scaliger zugute.
Leider konnten Borinski und Brinkschulte nicht aufeinander Bezug
nehmen. Und leider lag beiden der zweite Band von Wilhelm Diltheys
»Gesammelten Schriften« noch nicht vor, der gleichfalls 1914 hervortrat
und Diltheys Arbeiten über »Weltanschauung und Analyse des Men-
schen seit Renaissance und Reformation« in erweiterter Gestalt vor-
legte. Was ich im folgenden über Scaliger sage, knüpft dankbar an
die drei genannten Bücher an. Sie haben mich auf meinem Wege
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