Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 12.1917

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180 OSKAR WULFF.

einer bestimmten Gefühlsweise begleitete Art der Gestaltung oder des
sinnlichen Eindrucks, welche auch bei ganz anderen Tatbeständen,
darunter auch bei solchen einer ungleichnamigen Kunst erlebt werden
kann. So kann z. B. durch eine Zeichnung oder durch die Modellie-
rung in einem Gemälde ein Eindruck erzielt werden, den wir als
plastisch bewerten. Anderseits sprechen wir von der malerischen
Komposition und Behandlung eines Bau- oder Bildwerks und weiter
ohne Bedenken nicht nur von einer malerischen Landschaft, sondern
sogar von malerischer Unordnung. Man darf daher solche Bestim-
mungen sehr wohl als ästhetische Kategorien ansehen und mit den
Begriffen des Tragischen, Komischen und anderen mehr in eine Reihe
stellen, die gewisse Grundverhältnisse der von der Dichtung hervor-
gerufenen Inhaltsgefühle umschreiben und ebenfalls auf andere Sach-
verhalte übertragbar sind. Der Gefahr mißverständlicher Anwendung,
der sie infolge dieser Ausdehnung des Wortgebrauchs und schillernden
Erweiterung des Wortsinnes ausgesetzt sind, muß freilich im wissen-
schaftlichen Sprachgebrauch durch schärfere Begrenzung ihrer Bedeu-
tung vorgebeugt werden, — und zwar zunächst durch empirische Fest-
stellung der gemeinsamen Grundbedeutung, falls eine solche ihrer Anwen-
dung, zumal auf künstlerische Tatbestände, zukommt. Es ist der Weg,
den auch Wölfflin beschritten hat, — wenngleich nicht durchgängigx)..
Als ein Versäumnis, ja als ein Rückschritt erscheint mir, daß bei
Wölfflin — allerdings nicht bei ihm allein — das Plastische als kunst-
wissenschaftlicher Grundbegriff und scheinbar auch als ästhe-
tische Kategorie gänzlich ausfällt2). Einen zureichenden Grund dafür
kann ich auch nicht in dem Umstände erkennen, daß er kunstgeschicht-

S. 103 ff. In diesem erweiterten Sinn wendet auch Schmarsow schon die Begriffe an
und betont a. a. O. I, S. 5 ff., daß sie nur von der Verschwommenheit des gewöhn-
lichen Sprachgebrauchs zu befreien sind, während noch Th. Lipps, Ästhetik, Hamburg
u. Leipzig 1906, II, S. 121 die Gesetze der künstlerischen Gestaltung unmittelbar von
den Mitteln der Einzelkünste ableitet.

') Wölfflin, Über den Begriff des Malerischen. Logos, Internat. Zeitschr. T.
Philos. d. Kultur 1913, S. 1 ff.

2) Mit bewußter Absicht schließt auch Hamann, a. a. O. S. 106, das Plastische
von den letzteren aus. Allein daß durch plastische Mittel (im technischen Sinne)
malerische Wirkungen erzielt werden können, hebt den Gegensatz der ästhetischen
Grundbegriffe ebensowenig auf als die Möglichkeit ihrer Vermittlung in der empi-
rischen Gestaltung des Kunstwerks (siehe unten). In auffallendem Widerspruch
dazu hat denn auch Hamann, Zeitschr, f. Ästhet, u. allgem Kunstwissensch. 1908,
III, S. 1 ff. »das Wesen des Plastischen", noch vom ästhetischen Standpunkt zu be-
stimmen versucht, wenngleich schon mit Beziehung auf das Objekt plastischer Dar-
stellung und nicht nur im Sinne der subjektiven (psychologischen) Auffassung, von
der wir bei der Aufstellung der ästhetischen Kategorien hier ausschließlich auszu-
gehen haben.
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