Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 12.1917

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BEMERKUNGEN. 353

mit einem Wort von sich selbst zu redend oder sich zum Gegenstand der Aufmerk-
samkeit werden zu lassen, gesteigerte Bescheidenheit.

Richard Wallaschek war am 16. November 1860 als Sohn des Präsidenten der
Notariatskammer in Brunn, Dr. Karl Wallaschek (f 1896), geboren und sollte sich,
im Geiste des durchaus juristischen Milieus seines Vaterhauses, der juristischen
Laufbahn widmen, ebenso wie dies sein einziger, älterer Bruder, der gegenwärtig
in Krems a. d. Donau als Advokat lebende_ Dr. Karl Wallaschek, tat. In der Tat
widmete er sich denn auch an den Universitäten Wien, Heidelberg und Tübingen
— zugleich mit den schon damals ihn lebhaft beschäftigenden philosophischen,
musiktheoretischen und musikalisch-praktischen Studien — dem juristischen Studium;
aber knapp vor dem letzten Schritte zur Erlangung des Doktorates — es fehlte ihm
nur mehr das letzte Rigorosum — überwog in ihm derart die philosophische Pro-
duktivität, daß er plötzlich sein juristisches Studium im Stiche ließ und sich ganz
in die Ausarbeitung eines musikästhetischen Entwurfes, der 1S86 im Druck er-
schienenen >Ästhetik der Tonkunst«, vertiefte. Nachdem er sodann auf Grund dieses
Werkes an der Universität Tübingen zum Doktor der Philosophie promoviert worden
war (einige Zeit später kam dazu auch noch das auf Grund einer Abhandlung »über
die juristische Person« an der Universität Bern erlangte juristische Doktorat), habili-
tierte er sich 1886 an der Universität Freiburg i. Br. als Privatdozent für Philosophie.
(Dieser Zeit gehört auch noch eine zweite philosophische Arbeit an, die »Ideen
zur praktischen Philosophie«.) Die schon in der vorhin angeführten Jugendarbeit
im Keime zutage tretende Neigung und Befähigung zu generellem Überblick, zur
vergleichenden und systematischen musikwissenschaftlichen Forschung, erfuhr nun
in den folgenden Jahren eine stets wachsende Vertiefung und zunehmende Ver-
innerlichung: im selben Maße, als sich sein psychologisches und philosophisches
Interesse immer mehr der Tonpsychologie zuwandte, im selben Maße drängte sich
ihm auch immer mehr die Notwendigkeit der Erweiterung der Umfangsgrenzen
seines Untersuchungsmateriales auf: führten ihn einerseits seine musikpsycho-
logischen Untersuchungen immer tiefer in die Erkenntnis der Bedeutung auch des
pathologischen Moments für die Psychologie der musikalischen Phänomene und
damit in psychopathische, physiologische, biologische und medizinische Studien ein,
so erkannte er anderseits mit richtigem Blick, daß die von dieser einen Richtung
her zu erschürfenden Resultate durch Untersuchungen sowohl in onto- als in phylo-
genetischer Hinsicht eine unvergleichlich stärkere Fundierung gewinnen mußten, ja
im Sinne systematischer und vergleichender kunstwissenschaftlicher Forschung sogar
direkt derselben als notwendiger Ergänzung bedurften. So zogen denn die
Forschungen Wallascheks neben dem Material psychologischer, physiologischer,
psychopathologischer Phänomene und dergleichen allmählich auch immer mehr die
der Kinder- und primitiven Musik in ihr Gesichtsfeld, und diese Erkenntnis des
unabweisbaren Bedürfnisses nach Aneignung und gründlicher Beherrschung des
gesamten damals zugänglichen Materials auf diesem Gebiete drängte sich ihm
schließlich mit so gebieterischer Macht auf, daß er seine Freiburger Dozentur auf-
gab und sich für mehrere Jahre (1890—1895) nach London begab, um hier die
reichen musikhistorischen, -ethnographischen, -psychologischen, anthropologischen
usw. Literaturschätze des British Museum zu studieren. Die Früchte dieser Arbeit
und die durch sie gewonnene Erweiterung seines Gesichtsfeldes, Schärfung des
Blickes, Vertiefung der Erkenntnis und Festigung seines Urteils treten deutlich in
der mit dem Londoner Aufenthalt einsetzenden reichen publizistischen Wirksamkeit
Wallascheks zutage, in der er — mit fast planmäßig erscheinender Zielbewußtheit
und Sicherheit des Entwicklungsganges — Schritt für Schritt ein Gebiet um das
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