Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 12.1917

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BESPRECHUNGEN. 357

Es wird weiter der Begriff des Symbolwertes erläutert. Es handelt sich nicht
um einen subjektiven, sondern um einen objektiven Wert. Ein objektiver Wert
wird dahin definiert, daß er »überhaupt oder schlechthin ein Wert ist, unabhängig
von jeder subjektiven Einschätzung. Ein objektiver Wert gilt an und für sich, und
diese Geltung wird nicht beeinflußt davon, ob sie durch irgendwelches wertende
Subjekt erkannt und anerkannt werde oder nicht«. Im Zusammenhang hiermit wird
die Frage aufgeworfen, unter welchen Umständen die Schönheitsqualität und damit
der ästhetische Wert einem Symbol zukommt. Zur Entscheidung dieser Frage dienen
drei Gesichtspunkte. Unter den ersten fällt die Angemessenheit der Darstellung
ihrer Aufgabe gegenüber. Hierzu gehört das technische Können. Der echte Künstler
versteht darzustellen, was er möchte. Zum zweiten Gesichtspunkt rechnet Häberlin
die >immanente Schönheit des Ausdrucks als solchen«. In allem Ausdruck herrscht
ein Ideal, und je nachdem der Ausdruck diesem Ideal entspricht, gewinnt das
Symbol die eben angeführte immanente Schönheit. Diese Schönheit, heißt es
weiter, >ist in der Tat nichts anderes, als was man ,Form' im eigentlichen und
tiefsten Sinne nennt«. Das Merkmal solcher »Form« ist die »Harmonie«. Dasjenige,
was die Form des Symbols ausmacht, wird mit Vornehmheit, Feinheit, Ruhe usw.
bezeichnet. Die Fähigkeit des Künstlers, die ihm zur Darstellung der Form im
Symbol verhilft, ist der Geschmack, der ihn dasjenige wählen läßt, was er zu sagen
hat. Der rechte Geschmack ist aber keine Begabung des Individuums, sondern ein
Gebot der Kunst, dessen Offenbarer der Künstler ist. — Zum dritten Gesichtspunkt
gehört das Symbol eines bestimmten, persönlichen Erlebnisses, das von Häberlin
als »Inhalt« des Kunstwerkes bezeichnet wird. Die Persönlichkeit des Künstle«
kommt dabei zutage und je nach ihrer Bedeutsamkeit wird das Kunstwerk zum be-
deutenden Werk.

Aus den drei angeführten Gesichtspunkten ergibt sich die Wirkung des Kunst-
werkes, insofern nämlich, als die inneren Spannungen des Künstlers im Kunstwerk
eine Lösung finden, und daher auch eine Entspannung des Genießenden bewirken.
Das Kunstwerk erbaut uns und reinigt uns.

BerIin- Rosa Heine.

Max Eisler, Der Raum bei Jan Vermeer. (Jahrbuch der kunsthistorischen
Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses.) Wien und Leipzig 1916 im
Verlag von F. Tempsky und G. Freytag. Lex.-Form. 90 S. mit 5 Tafeln und
38 Textabbildungen.
Diese sorgsam gearbeitete, gut geschriebene und vornehm ausgestattete Studie
Max Eislers ist ein treffliches Zeichen für den gesunden Geist, der die Kunst-
geschichte unserer Tage erfüllt. Das reiche und saubere Begriffsmaterial, der Sinn
für prinzipielle Problematik gepaart mit der behutsamen Liebe für die Eigenart des
Einzelfalles sind der erwünschte Niederschlag langwieriger und schwieriger metho-
discher Diskussionen, die allmählich im praktischen Betrieb der Forschung fruchtbar
werden. Es kann nicht meine Aufgabe sein, die Richtigkeit der verschiedenen Er-
gebnisse Eislers nachzuprüfen, aber der Gesamteindruck offenbart eine strenge und
besonnene Methodik, die sich nicht in Einseitigkeit festrennt, sondern die Tatsachen
unter verschiedensten Aspekten spiegelt, wodurch sie hervortreten und gegenseitige
sachliche Beziehungen gewinnen. Wird so Eislers Arbeit dem Vertreter der all-
gemeinen Kunstwissenschaft interessant, als Beispiel moderner kunstgeschichtlicher
Behandlung eines bestimmten Teilproblems, liefert sie unmittelbar selbst einen be-
scheidenen Beitrag zu unserer Disziplin durch die Erörterung der Hildebrandschen
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