Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 12.1917

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BESPRECHUNGEN. 359

darauf an, die großen Linien der Entwicklung zu zeichnen, ihre Hauptträger ins
Licht zu stellen und Nebenerscheinungen zurückzudrängen, um die wesentlichen
Züge eines farbenreichen Gemäldes in gedrängter Darstellung klar heraustreten zu
lassen. Die Geschichte der deutschen Malerei ist reicher als andere an Sonderzügen
örtlicher Prägung. Aber nicht jede Lokalschule durfte Berücksichtigung finden.
Nicht alle Meister, deren Namen die Kunstforschung verzeichnet, konnten aufge-
nommen werden. Und nur an charakteristischen Proben war die Art eines Künstlers,
sein Stil und seine Entwicklung zu umschreiben.« Das Programm ist tadellos.
Um es zu erfüllen, hätte Glaser ein Gegenstück liefern müssen zu der — im gleichen
Verlage erschienenen — klassischen Kunst von Heinrich Wölfflin. Diese Höhe hat
er nicht erstiegen.

Zwei Gründe scheinen mir es wesentlich zu bedingen, daß jenes Ziel nicht er-
reicht wird. Vor allem die mangelnde sprachschöpferische Kraft der Bildbeschrei-
bung. Glaser findet sehr selten die Zauberformel, die auf einmal die richtige Ein-
stellung an die Hand gibt, den Wert des Bildwerkes ganz faßbar macht. Es ist
ein Verdienst, daß er nicht den geringsten Versuch unternimmt zu schwindeln, also
keinen Ozean von Worten ausschüttet mit mystisch schillernden Tiefen. Er bleibt
immer beherrscht, sachlich. Aber vielleicht hat er sich selbst allzustraff die Zügel
angelegt, denn seine sonstigen Arbeiten verraten einen Schuß ;>Künstlertum«, der
hier fast ganz unterdrückt ist. Ob nun gewollte oder natürliche Disziplin hier
herrscht, man muß sie dankbar anerkennen und kann doch schmerzlich vermissen
jene letzte Sprachgestaltung, der die restlos glücklichen Formulierungen gelingen
und die erst die wissenschaftliche Beweisführung zur Evidenz steigert. Aber auch
auf die Methode einer eingehenden Bildanalyse hat Glaser verzichtet. Wie matt,
wie eindruckslos bleibt etwa das, was er über die Darmstädter Madonna Holbeins
zu sagen hat, gegenüber der ausführlichen und zwingenden Darlegung in Volls
vergleichenden Gemäldestudien. Ich glaube, Glaser fühlte sich überall gehetzt, ge-
drückt von der Überfülle des Stoffes. So drängt und preßt er, und das einzelne
wirkt sich nicht genügend aus. Und das ist der zweite Grund, warum bei Glaser
Wollen und Leistung sich nicht decken. Die Materie ist in der Tat ungemein
schwierig; zerklüftet; unübersichtlich; überreich und nach vielen Richtungen hin
noch umstritten. So ist es begreiflich, wenn die Verbindungslinien häufig nicht
deutlich hervortreten und der »Stoff« herrscht. Man hat oft das Gefühl, der Ver-
fasser tastet von Schule zu Schule, von Generation zu Generation, und empfindet
mehr das Neben- und Nacheinander als den sinnvollen Zusammenhang. Glaser
will nicht konstruieren, Tatsachen vergewaltigen, kühne Hypothesen durch noch
kühnere »stützen«. Das ist wieder anzuerkennen und bezeichnend für die Solidität
der Arbeit. Aber es ist eben ein Verzicht, ein sich Bescheiden. Die volle Bewäl-
tigung des Materials kann doch nur von einem Standpunkte her gewonnen werden,
der das Ganze so überschaut, daß das Einzelne von ihm aus seinen Stellenwert
empfängt. Diese Gesamtschauung fehlt, oder sie dringt nicht durch. Aber es ist
ein »gutes« Buch, das Glaser geschrieben hat; und ich bitte den Leser, ob der Ein-
wände, die ich erheben mußte, nicht der Vorzüge zu vergessen, die ich bereitwillig
und gern anerkannte.

Rostock. Emil Utitz.

Georg Simmel, Rembrandt. Ein kunstphilosophischer Versuch.
Kurt Wolff, Verlag, Leipzig 1917, VIII und 205 S.
Georg Simmel stellt den, der seine Schriften und insbesondere dieses Rem-
brandtbuch zu besprechen hat, vor eine sehr schwierige Aufgabe. Verlangt man

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