Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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RAHMENLOSIGKEIT DES JAPANISCHEN KUNSTSTILS.

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jedem Bild zwar nicht gut, aber er greift doch dieses selbst wirklich
niemals an, was man wohl über die Wand, woran ein Bild hängt, im
verminderten Grade sagen kann. Ein schlechter Bildrahmen hindert ja
den vollkommenen Kunstgenuß, in dem Sinne kann man sagen, er
verderbe das Bild, aber ein Bild ohne Rahmen ist nichts destoweniger
ein Kunstwerk. Gelegentlich muß ich bemerken, daß Säulen, Piaster
und Gesimse bei alten Gemälden auch eine Art Bildrahmen sind. Ein
Gemälde muß dann, wenn es ohne Hilfe des Bildrahmens genießbar
sein wollte, gleichsam an sich selber irgendeinen Ersatz für denselben
haben. Dieser Ersatz liegt eben infolgedessen diesseits der Grenze
des Kunstwerkes, da dieses ihn in sich begreifen soll. Als ich oben
gesagt habe: alle Künste haben Rahmen, da gebrauchte ich dieses
Wort in einem so erweiterten Sinne, daß ich damit auch den Ersatz
meinen konnte, weil es Künste gibt, die niemals imstande sind, einen
unverkennbaren Rahmen wie den Bildrahmen zu haben.

Kann der Ersatz — man darf sich hierbei aber keinen um das
Bild gemalten denken — nun ein so vollständiger sein, daß er an
sich alle die Funktionen des üblichen Bildrahmens besitzt? Zwischen
ihm und dem wirklichen Bildrahmen ist ein Unterschied nicht zu
übersehen, der von der Tatsache herrührt, daß der gemalte sich im
Kunstwerk selber befindet. Er wirkt also von innen heraus, während
der wirkliche dies von außen hinein tut. Jenes ist der Abschluß des
Kunstwerkes, und dies die Einschränkung desselben. Man kann jedoch
wohl annehmen, daß dieser gerade dazu da sei, um den Abschluß oder
vereinheitlichenden Zusammenschluß zu betonen. Er ist aber, wie ich
glaube, nicht nur dazu da, sondern die Sachverhältnisse haben, wenn
man sie noch genauer betrachtet, ihre Kehrseite. Wenn der Künstler
sich von vornherein dessen bewußt ist, daß das eben gemalte Bild
nach der Verfertigung in einen Rahmen eingefaßt wird, so muß not-
wendig dieses Bewußtsein auf die Komposition des Bildes einen Ein-
fluß ausüben. Oder man darf es vom anderen Standpunkt aus auch
so erklären: die Ursache, daß die moderne abendländische Malerei
kaum des Bildrahmens entbehren kann, sei vielmehr in ihrer Beschaffen-
heit und ihrer geschichtlichen Entwicklung zu suchen. Jedenfalls sehen
wir also zwei Seiten in der Funktion des Bildrahmens — man soll
hier das Dekorative ausschalten —: die eine zeigt ihn als ein bloßes
Hilfsmittel, das nachher hinzukommt und die nach der Einheit stre-
bende Eigenschaft des Kunstwerkes betont, indem es von diesem un-
günstige Einflüsse der Umgebung abwehrt; die andere zeigt ihn als
ein sozusagen Rahmenbewußtsein, das sowohl gegenwärtig als ge-
schichtlich in den Stil der Malerei einwirken soll, so daß das Kunst-
werk nach dem vereinheitlichenden Zusammenschluß stark neigt.
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