Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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VIII.

Begriff und Wesen des Genre.

Von

Franz J. Böhm.

Bei dem Versuch einer begrifflichen Bestimmung des Genre müssen
wir uns darüber klar sein, daß unsere Aufgabe nicht eine rationali-
stische Erklärung aus apriorischen Denkgesetzen sein kann, sondern
eine Bestimmung charakteristischer Momente, die wir aus der gege-
benen künstlerischen Welt herauslösen, um sie zu einer ideellen ästhe-
tischen Grundstruktur zu vereinigen, die ihr Gesetz nicht von der
nachträglich deutenden theoretischen Vernunft empfängt, sondern in
sich selber trägt, beziehungsweise von dem eigentlichen Gesetzgeber
künstlerischer Normen, dem »Genie«, aufgeprägt erhält. Eine solche
Bestimmung wird notwendig einseitig sein, weil sie sich eben nur auf
»eine Seite« der künstlerischen Objektivation richtet, um gerade diese
eine Komponente des Kunstwerkes in ihrer Reinheit und Sinngesetz-
lichkeit erkennen zu können. Denn jedes Genrebild ist mehr als bloßes
Exemplar seiner begrifflichen Gattung; es ist zugleich absolutes Indi-
viduum und als solches letztlich für den Begriff unausschöpfbar: die
Universalität des Begriffes ist durch seine abstrakte Natur bedingt;
weil er »alles« erfassen will, erfaßt er kein Konkretes ganz. Aber
anderseits ist jedes wirkliche Genrekunstwerk auch weniger als sein
Begriff, insoferne als kein Begriff einer adäquaten Verwirklichung fähig
ist und alle Wirklichkeit in gradueller Verschiedenheit an ihm nur
»teilhat«. Trotzdem vergewaltigt die ästhetische Betrachtungsweise
ihren Gegenstand nicht, sondern gibt nur eine theoretische Trans-
position einer künstlerischen Sinnstruktur, die sie zwar zu deuten
unternimmt, ohne jedoch den Anspruch zu erheben, sie zu schaffen;
die Voraussetzung aller Ästhetik ist die künstlerische Wirklichkeit in
ihrer jeder theoretischen Stützung unbedürftigen Autonomie ')■

Das Genre hat in der klassischen deutschen Ästhetik eine recht

') Vgl. dazu: Friedrich Kreis, Die Autonomie des Ästhetischen. Tübingen 1922.
— Jonas Cohn, Die Autonomie der Kunst und die Lage der gegenwärtigen Kultur.
Stuttgart 1914. — Max Dessoir, Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft. Stutt-
gart 1923, Ferd. Enke, 2. Aufl.
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