Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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Besprechungen.

Julius Schultz, DiePhilosophie am Scheidewege. Die Antinomie im Werten
und im Denken. Leipzig 1922, Verlag von Felix Meiner.
Julius Schultzens »Philosophie am Scheidewege« ist wohl die umfassendste, mit
größten Maßstäben unternommene Auseinandersetzung zwischen Ästhetik und Ethik,
die wir bisher haben. Es ist ihm ein ungemein packendes, bedeutendes Buch ge-
glückt, das indessen trotz seiner geistreichen Gedankenführung auf jeder Seite
Widerspruch erregt und bei vielfältigem Ertrag gleichwohl zu zahlreichen Anzweife-
lungen Anlaß gibt.

Schultz identifiziert den Emotionalen mit dem -Mimeten«, dem Darsteller seiner
selbst im Leben, und beide mit dem ästhetischen Typus. Aber es muß bestritten
werden, daß der Emotionale und der Selbstdarsteller überhaupt ästhetische Typen
sind. Die Darstellung, auch die Selbstdarstellung, ist nicht der Grundzug des
Ästhetischen, sondern des Praktischen. Das ästhetische Urphänomen ist das Er-
lebnis, das Gefühl. Ganz im Zustand des Erlebens, des Fühlens, befinden sich
1. der ästhetisch Schauende, 2. der Spielend-Sportliche. Der Eine genießt seine Ein-
drücke, der Andere seine eigene Bewegung. Der Emotionale dagegen will bereits
etwas, er will eine Spannung loswerden, er blickt in eine (wenn auch kürzeste)
Zukunft hinaus. Der emotionale Zustand ist der erste Ansatzpunkt für das prak-
tische Verhalten. Erwächst aus dem emotionalen Menschen der Selbstdarsteller, der
Künstler am eigenen Wesen, so ist im intelligiblen Ich, das im empirischen heraus-
gearbeitet werden soll, schon ein ausgesprochenes Ziel gegeben, wenn es auch
noch innerhalb der eigenen Ichgrenzen liegt. Der dritte Typus des Praktikers ist
der Künstler. Sein Weg ist noch um eine Stufe weiter geworden, denn das Ziel des
Künstlers ist zum ersten Male ein Gegenstand der Außenwelt: das Werk. Dieser
Gegenstand ist seiner Natur nach Genußgegenstand. Was zu ihm hinführt, ist aber
nicht Genuß, sondern Praxis. An vierter Stelle endlich steht der utilitäre Mensch,
der selbst nur die Mittel der Mittel herstellt zu einem Genußziel, das er nicht mehr
im Auge hat. — Emotionaler und Utilitarist gehören also als Gegenpole derselben
Gruppe des praktischen Menschen an.

Allerdings kann sich dieser praktische Mensch nun auch an seiner eigenen Be-
wegung oder deren Resultat erfreuen: und zwar in einer mehr spielend-sportlichen
oder mehr zuschauenden Freude. Dann haben wir den praktisch-ästhetischen Misch-
typus, der In Wahrheit das Leben in seiner ganzen Breite beherrscht. Denn bereits
die Mittel des Utilitaristen sind voll von ästhetischen Intermezzi. Das rechte Treffen
eines Nagelkopfes ist für den Tischler jedesmal ein kleines Glück. Und ebenso
strahlt das ferne Ziel jeder Arbeit bereits ästhetische Lust aus, auch wenn es noch
nicht erreicht ist. Wer über ästhetischen und praktischen Typus schreiben will, darf
sich nicht mit einer noch so geistreichen Gegenüberstellung zweier Gegensätze be-
gnügen, sondern er muß eine Skala von praktisch-ästhetischen Übergängen ent-
wickeln. Davon ist bei Schultz aber keine Rede. Seine Bemühung ist vielmehr
überall auf glatte Scheidungen gerichtet. So schreibt er z. B. dem Praktiker ein
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