Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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Gesellschaft für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft.

Veranstaltungen der Berliner Ortsgruppe im Jahre 1928.

Eine der erfolgreichsten Veranstaltungen der Berliner Ortsgruppe der »Gesell-
sellschaft für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft« im Winter-Halbjahr 1927/2S
war der Vortrag des Professors Tsuneyoshi Tsudzumi aus Nagoya (Japan) über
> Die japanische Naturdichtung« (am 27. Januar). Der japanische Kunstgelehrte löste
in vorbildlicher Weise die Aufgabe, den deutschen Hörern eine Vorstellung von
den tiefgreifenden Unterschieden zwischen der ostasiatischen, besonders der japa-
nischen, und der westeuropäischen Kunst zu übermitteln. Den letzten Grund der
Verschiedenheit sieht der Gelehrte in dem andersartigen Verhältnis zur Natur; die
Verwachsenheit des Japaners (des Ostasiaten überhaupt) mit der Natur kommt in
der Rahmenlosigkeit seiner Kunst zum Ausdruck. Sie bezeugt, daß der Japaner
in jedem noch so kleinen Bruchstück der Natur die ganze Natur erfaßt und
daher an jeder beliebigen Stelle — nach europäischem Gefühl oft an einer sehr
gleichgültigen — einen Ausschnitt vornehmen kann. Diesen Grundgedanken — den
er bereits in seinem Aufsatz »Die Rahmenlosigkeit des japanischen Kunststils« in
der »Zeitschrift für Ästhetik« Band XXII, Heft i, Seite 46—60 entwickelt hat — führte
Professor Tsudzumi an der japanischen Naturdichtung bis in alle Einzelheiten durch.
Es gelang ihm dabei, die Grundlagen für ein Verständnis der japanischen Dichtung
zu schaffen — ein großer Erfolg bei der Sprödigkeit des Stoffes und der Schwierig-
keit des den meisten Hörern völlig unbekannten Gebietes. Die sachkundigen unter
ihnen fügten einige Ergänzungen — vom europäischen Standpunkt — hinzu; Pro-
fessor Scharschmidt sieht es als Vorzug der japanischen Dichtung an, daß alle
— aufnehmend und schaffend — an ihr teilhaben können. Dr. Trautz betont die
stark erzieherische Wirkung der japanischen Dichtung, die durch den Zwang zu
einer außerordentlichen Beschränkung auf das Wesentliche die Geschmacksbildung
fördert und eine Verfeinerung des Gefühls hervorruft. — Auf den besonderen
Wunsch der Mitglieder der Gesellschaft wurden die Ausführungen Professor Tsu-
dzumis in einem zweiten Vortrag im Sommer-Halbjahr (am 29. Juni) über »Die japa-
nische Naturmalerei« (mit Lichtbildern) nach der Seite der Bildkunst hin ergänzt;
die gleiche Eindringlichkeit und Klarheit der Darstellung erzielte den gleichen Erfolg.
In der Aussprache wies Professor Kanokogi auf die große Bedeutung der »Menschen-
malerei« in Japan hin (bei der es sich im wesentlichen um buddhistische Gemälde
handelt), damit nicht der Eindruck entstehe, als kenne Japan ausschließlich oder
hauptsächlich Naturmalerei. — Einem Gebiet von Gegenwartsinteresse galt der Vor-
trag des Herrn Dr. Friedrich Luther: »Die Beziehungen zwischen jugendlicher
Geisteshaltung und ästhetischem Erleben« (am 16. März 1928). Nach einer Charakte-
risierung der Eigentümlichkeit jugendlicher Geisteshaltung mit ihrem starken Ich-
gefühl, ihrer inwärts gerichteten Abkapselung vom wirklichen Leben, die im sub-
jektiven Erleben des Jugendlichen gegeben ist, der anderseits mit den Dingen seines
Erlebens völlig verschmilzt, wird das ästhetische Erleben (im Sinne des psychologisch
greifbaren Verhaltens des Menschen, wenn er ästhetisch eingestellt ist) in seinen
Wesenszügen geschildert. Auch hier besteht die Eigentümlichkeit in der seelischen
Abkapselung gegen alle andern Empfindungen, in der engen Gebundenheit an das
Objekt, in der Bestimmtheit durch subjektives Erleben. So findet Dr. Luther zwar
eine psychologische Verwandtschaft zwischen jugendlichem und ästhetischem Ver-
halten — das verbindende Moment ist die betonte Subjektivität —; er sieht aber
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