Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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Bemerkungen.

Der Manierismus als künstlerische Anschauungsform.

Von

Margarete Hoerner.

In dem Augenblick, wo man die Bezeichnung »Manierismus«: nicht als Wert-
urteil verwendet, erscheint sie als Stilbegriff neben Klassik und Barock ')■ Es fragt
sich aber, ob sie mit jenen ganz in einer Reihe steht. Denn der Manierismus ist
nicht drittes Glied neben Klassik und Barock, sondern schiebt sich zwischen beide.
Der Charakter des Übergangsstils bleibt an ihm haften und es erhebt sich so die
Frage, ob er überhaupt als selbständige Weltanschauung zu gelten hat oder ob er
nur die Brücke zwischen den beiden bekannten bildet.

Der periodische Wechsel von Klassik und Barock'-) beruht auf einem Wechsel
der Anschauungsfonnen. Diese Anschauungsformen greifen über das künstlerische
Schaffen weit hinaus, finden ihr Korrelat im alltäglichen Geschmack, der sich in
Mode und Kunstgewerbe äußert, ja in der Form jeder Gestaltung und Auffassung
überhaupt, so in der wissenschaftlichen Problemstellung, dem philosophischen und
religiösen Bekenntnis, dem ethischen Prinzip. Es gibt einen Dualismus in der mensch-
lichen Psyche, aber es gibt wohl nur einen. Ihn zu finden, die Verbindungsfäden
der jeweiligen psychischen Formen zu den Nachbargebieten hinüberzuführen, den
Gleichschritt aller dieser verzweigten Rhythmen herauszuhören, bleibt eine Aufgabe,
aber gewiß keine aussichtslose.

Der Dualismus der Anschauungsformen ruht in einer Funktion der menschlichen
Psyche und läßt sich aus dem Gegenständlichen nicht erklären. Wir wissen längst,
daß ein Baum nicht für jeden derselbe Baum ist, daß die jeweilige Einbeziehung
in einen bereits vorhandenen Komplex von Vorstellungen ganz andere Abbilder
liefert, daß eine andere »Hinsicht der Vergleichung« zu völlig anderen Begriffen
und Begriffsverknüpfungen führt3). Seltsam ist es nur, daß innerhalb der gleichen
Erkenntnisreihe, also etwa der wissenschaftlichen oder künstlerischen, Anschauungs-
paare auftreten, von denen jeweils das eine Glied seine Parallele in den anderen
Denkformen hat. Es ist kein bloßer Zufall, daß der Historismus und Naturalismus
in der Kunst und Literatur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Material-

') Vgl. Manierismus, Zeilschr. f. Ästhetik u. allgem. Kunstwissenschaft 1923.

*) Ich verwende mit Absicht die indifferenten Ausdrücke Klassik und Barock
und verstehe unter ihnen die Zusammenfassung aller der für einzelne Perioden und
Kunstarten von Riegl, Wölfflin, Frankl, Strich gewonnenen Begriffe in den Punkten,
wo sie sich decken. Klassik ist also jeder taktische, lineare, additive, nach Voll-
endung strebende, Barock jeder optische, malerische, divisive und unendliche Stil.
Auf das Gegensatzpaar plastisch —malerisch im Sinne Schmarsows komme ich weiter
unten zurück.

3) E. Cassirer, Philosophie der symbolischen Formen Bd. 1. Die Sprache. Ber-
lin 1923.
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