Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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XL

Sprache und Rhythmus der späten Hymnen

HölderÜns.

Von

Rudolf Krieger.

Die Literaturgeschichte hat früher Hölderlin1) zu den Romantikern
gerechnet oder doch einen Seitentrieb der Romantiker genannt. Wenn
man ihn heute auch weiter von den Romantikern abrückt als bisher,
seine Stellung ist trotz Hellingrath und W. Michel nicht eindeutig be-
stimmt. Das mag daher kommen, daß über den Begriff des spezifisch
»Romantischen« keine Einstimmigkeit herrscht. Man könnte — wie es
bisher geschah — um den ganzen Problemkreis, der damit gegeben
ist, bis in Einzelheiten zu erhellen, den Weg der ideengeschichtlichen
Betrachtung einschlagen. Es wären dann die geistigen Voraussetzungen
zu verfolgen, unter denen jene Dichtergeneration aufgewachsen ist,
die man heute mit dem Namen »Romantik« bezeichnet. Diesem Orga-
nismus geistiger Bedingungen \väre der einzelne Dichter in seiner
menschlichen, geistigen, ja auch gesellschaftlichen Prägung gegenüber-
zustellen. Doch hier wird nun entscheidend: die originale Verarbei-
tung der gegebenen geistigen Voraussetzungen durch den Dichter.
Sie ist eine Frage seiner persönlichen Welthaltung überhaupt. Aus der
Auseinandersetzung des Dichters mit dem Überkommenen, kurz, mit
dem Weltbild seiner Zeit, wächst das, was wir »Weltanschauung«
nennen. So kann bei einer annähernden Gleichheit geistiger Einflüsse
bei verschiedenen Dichtern doch in jedem ein ganz anderes Weltbild
entstehen. Gerade dies ist bei den Romantikern und Hölderlin der
Fall. Auch hier eine scheinbare Gleichheit geistiger Voraussetzungen,
und trotzdem eine vollkommen anders geartete Form der Weltanschau-
ung, eine andere Haltung der Gesamtheit des Lebens gegenüber.
Wollte man nun Hölderlin in die Reihe der Klassiker stellen, so wäre
gerade von der weltanschaulichen Seite aus manches einzuwenden.
Fritz Strich *) nennt ihn ausweichend als Repräsentanten der »dionysi-

') Zitate nach: Hölderlins Sämtliche Werke, histor.-krit. Ausgabe, besorgt durch
N. v. Hellingrath; Bd. IV ist ohne Bandbezeichnung zitiert.

2) Fritz Strich, Deutsche Klassik und Romantik, München 1924.
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