Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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XII.

Novelle und Tragödie:
Zwei Kunstformen und Weltanschauungen.

(Ein Problem aus der Geistesgeschichte des 19. und
20. Jahrhunderts.) <

Von

Bernhard Bruch.

I. Sinn und Aufgaben einer vergleichenden Betrachtung
von Novelle und Tragödie.

Seit den Tagen der Romantik ist bekanntlich die bald enger bald
loser gefaßte vergleichsweise Zusammenstellung der novellistischen
Form mit der dramatischen im positiven oder negativen Sinn ein die
Novellentheorie des gesamten 19. und 20. Jahrhunderts durchziehender
Gedanke gewesen: an sich offenbar schon ein Beweis für seinen Ur-
sprung aus einem notwendigen Bedürfnis. Nur hat der ganze für die
moderne Geistesgeschichte so überaus fruchtbare Sinn dieses Ge-
dankens bisher fast nie zur Auswirkung gelangen können, weil der Ver-
gleich beider Formen stets entweder nur allzu Äußerliches betraf, oder,
wo er auf Wesentlicheres ging, nicht mit genügender Konsequenz zu
Ende gedacht wurde. In Wahrheit ist gerade die vergleichende Betrach-
tung von Novelle und Tragödie etwa seit dem Ende der Romantik
bis heute geeignet, einen überaus wertvollen Beitrag zur Erkenntnis der
geistesgeschichtlichen Entwicklung der letzten hundert Jahre zu liefern.
Der Vergleich, wie er hier durchgeführt ist, beschränkt sich mit Absicht
auf das Verhältnis der modernen Novelle zur Tragödie, da die Novelle
etwa seit dem ersten Drittel des IQ. Jahrhunderts eine sowohl formal
wie vor allem weltanschaulich entscheidende Um- und Fortbildung gegen-
über der älteren, namentlich italienischen Novelle erfahren hat. Ein Ein-
gehen auf jenen Umbildungsvorgang ist an dieser Stelle nicht möglich.

Nur die »tragische« Dramatik und Novellistik werden berücksichtigt,
da diese die ausgeprägtesten und am strengsten gesetzlichen Formen
ihrer Art darstellen. Das Entsprechende für die übrigen Formen von
Drama und Novelle läßt sich von hier aus leicht ergänzen.
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