Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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VI.

Das Grundproblem der Dichtkunst.

Von

Emil Lucka.

1.

Es sind zwei Bereiche da, beide unabsehbar groß: das Dasein ge-
spiegelt im Dichtergeist, Natur, Geschehen, Menschen, Dinge, Gefühle,
Gedanken; und die andere Welt, die Welt der Sprache. Wie diese
beiden Sphären aufeinander wirken, sich gegenseitig verändern, wie
eine aus der anderen hervorgeht (Sprachwelt aus Phantasiewelt), diese
in jene zurückstrahlt, das ewige Hin und Her — das ist das Grund-
problem der Dichtkunst.

Wenn fortan von »Welt« gesprochen wird, so soll darunter nicht
die objektive, allen Menschen gemeinschaftliche Welt verstanden sein,
sondern die Welt in der Seele des Dichters. Der unmittelbare Zu-
sammenhang der objektiven Welt mit der Dichtung steht ganz außer
Betracht; wir fragen nicht, wie Phantasie- und Gefühlsleben des Dichters
zustande kommen, sondern: wie aus der Welt im Dichtergeist das
Dichtwerk hervorgeht, wie sich Welt in Sprache verwandelt, wir fragen
nach der »Wortwerdung der Seele« (Ernst Lissauer).

Welt wird in Sprache umgewandelt. Das setzt natürlich voraus,
daß die Sprache Weltelemente jeder Art vor die Seele zu stellen ver-
mag — eine Grundtatsache, die ein für allemal feststeht; wie diese
sprachlich erzeugten »Vorstellungens beschaffen sind und durch welche
Sprachmittel sie am sichersten heraufbeschworen werden, das ist pro-
blematisch und teilweise der Gegenstand unseres Betrachtens.

Die Dichtung ist ein in sich gegründeter, seinen eigenen Gesetzen
folgender Organismus, ein Sohn, könnte man sagen, jener erzeugen-
den Welt, aber nicht ihre Wiederholung oder ihr Schatten. Wir be-
trachten hier nur die Beziehungen beider, nicht die Sonderart der
Phantasie oder der Dichtung.

Welt kann ruhend angeschaut werden oder von Bewegung und
Leben erfüllt, hinströmend in der Zeit. Der Maler ist fast ganz auf
die ruhende Welt gewiesen, vielleicht auf eine ihr entrissene und fest-
gehaltene Sekunde, er verfügt ja nicht über Zeit und Veränderung, die
durch sein Bild fließen könnten. Die Sprache des Dichters lebt da-

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