Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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Besprechungen.

Johannes Volkelt, Grundlegung der Ästhetik. Zweite Auflage. Bd. I 1927,
Bd. II 1925, Bd. III 1925.

Von Volkelts »Ästhetik«, die auch von solchen, die in vielen Einzelfragen
anderer Meinung sind, heute als ein • standard-work ■ dieser Wissenschaft ange-
sehen werden muß, ist eine Neuauflage erschienen, die den II. und III. Band in
der Hauptsache unverändert bringt, dagegen vom I. Bande eine tiefgreifende
Umarbeitung vorlegt. Wir haben, da wir bei den Lesern dieser Zeitschrift die
Kenntnis der ersten Auflage voraussetzen dürfen, es hier hauptsächlich mit der
Umarbeitung des I.Bandes zu tun, die in der Tat es vermocht hat, das Werk
mit den mannigfachen neueren Bestrebungen auf philosophischem Gebiete, die sich
in den zwei Jahrzehnten nach Erscheinen der ersten Auflage durchgesetzt haben,
in Beziehung zu setzen. Volkelts feine und eindringliche Art, sich mit allen Mit-
strebenden, Freunden wie Gegnern, sachlich auseinanderzusetzen, ist auch in dieser
Umarbeitung überall zu erkennen.

Geblieben ist auch in der Umarbeitung die Sonderung von psycho-
logischer und normativer Grundlegung der Ästhetik, die bereits die
erste Auflage charakterisierte; doch kommt in dieser Umarbeitung die Verschieden-
heit der Standpunkte klarer heraus. Aber auch im einzelnen bringen sowohl der
psychologische wie der normative Teil starke Neuerungen.

In psychologischer Hinsicht wird besonders die gegenständliche Seite am
ästhetischen Bewußtsein mehr zur Geltung gebracht. Hier tritt z. B. der Begriff der
»Einempfindung« auf, d. h. die Verschmelzung mit vorgestellten Empfindungen, die
einem anderen Sinnesgebiet angehören. Stark betont werden die Unterschiede der
dinglichen Bedeutungsvorstellung auf ästhetischem Gebiete gegenüber der gewöhn-
lichen Bedeutungsvorstellung. Dabei tritt die auch sonst wichtige Tatsache des
»lmplizite-Bewußten« hervor. Dieser Begriff bezeichnet nicht ein hypothetisches,
sondern ein wirkliches Bewußtsein, das auch als »Hintergrundsbewußtsein<i gekenn-
zeichnet wird, da es nicht »Bewußtsein in der Weise des unmittelbar und geradezu
Gegenwärtigseins«; ist. In dieser Weise findet z. B. ein fühlendes Erfassen der Aus-
drucksqualität statt. Diese wird »mitgeseheii!, wie Volkelt auch sagt. — Beträchtlich
vertieft ist auch die Lehre von der »Einfühlung«. Geschieden wird dabei die
»einfache« Einfühlung von der »symbolischen« Einfühlung; bei der symbolischen
Einfühlung liegt eine Verdoppelung in eine eigentliche und eine uneigentliche Be-
deutung vor. Es gibt neben der dinglichen Symbolik auch eine Gefühlssymbolik,
die für die Ästhetik besonders wichtig ist. Die Anteile der assoziierten Vorstellungen,
der Gefühle und der Phantasie am ästhetischen Verhalten werden scharf heraus-
gehoben.

Auch die normative Grundlegung der Ästhetik ist stark umgearbeitet.
Es werden vier Grundnormen aufgestellt, deren jede eine subjektive und eine ob-
jektive Fassung zeigt. Die erste Grund norm geht in ihrer subjektiven Fassung auf
gefühlsbeseeltes Anschauen, in objektiver Hinsicht auf Einheit von Form und Ge-
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