Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BERNHARD BRUCH.

des »tout comprendre cest tout pardonner-. Sie ist zugleich ihre ge-
fährlichste Seite, die sie zur Sentimentalität immer wieder geneigt macht.
Die Novelle ist auch darin, in diesem oft sentimentalen Willen zum
reinen Verstehen, ein Ausdruck der bürgerlichen Weltanschauung des
zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts.

Aber die Novelle steht so nicht nur in ihrem Inhalt, durch ihren
Willen zum Verstehen, leicht dem Sentimentalen offen. Sie ist selbst,
in ihrer Eigenschaft als künstlerische Form, eine »sentimentalische<
im Sinne Schillers: eine weitgehend nur künstliche, keine naive oder
ursprünglich und notwendig menschliche, wie die Tragödie und das
Epos. Sie ist eine künstlich emporgesteigerte Form, eine geistige Treib-
haus-Kultur. Sie ist die sentimentalischste epische Form und nur auf
diesem Wege ihre strengste und konzentrierteste, das epische Gegen-
stück der Tragödie geworden.

Wie die Novelle als Form künstlich ist, so ist sie als ästhetische
Wirkung ausgesprochen ein Genießen. Beides entspricht notwendig
einander. Das zeigt schon ihr Ursprung in der vornehmen Gesellschaft,
des Italiens der beginnenden Renaissance. Sie entstammt einer Gesell-
schaft geistig Genießender. Und auch heute noch, trotz ihrer Umwand-
lung ins Subjektive und ganz einmalig Persönlich-Schicksalhafte, er-
reicht die gute Novelle ihre höchste Wirkung beim Vortrag in einem
Kreise Verstehender und Genießender. Der Tragödie eignet nur sehr
beiläufig in ihrer Wirkung, und nur als rein ästhetische Form be-
trachtet, zum Teil mit jener geistige »Genußc-Charakter. Sie ist auch
keine Gesellschaftsform. Sie ist die Form einer umfassend mensch-
lichen, staatlichen oder kulturellen Gemeinschaft, geistiger Ausdruck
einer großen Gesamtheit. Nur einige Arten der Komödie und, vor
allem, der Einakter sind gleich der Novelle künstlerische Genuß- und
reine Gesellschaftsformen.

Es ist gefährlich und symbolisch zugleich, wenn eine Zeit, unfähig
zur großen Tragödie, statt ihrer als ihr Surrogat und ohne wesentliche
Empfindung des Unterschiedes nur das novellistische Drama kennt,
im übrigen aber sich begnügt mit einer Unzahl einfacher, gänzlich
formloser, sogenannter >Bühnenspiele<. Wir haben lange in einer solchen
Zeit gelebt. Es gibt Anzeichen, die vielleicht eine Wendung verheißen
(sie wenigstens zu verheißen scheinen). Man beginnt wieder zu sehen,
was eine Tragödie ist.

So wird deutlich: Die große Novelle ist die der Tragödie nächst-
stehende Form, ihre eigentliche Analogie, aber auch ihr größter Gegen-
satz, ihre ständige Gefahr und zuzeiten selbst ein Mittel ihrer Auflösung.
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