Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BEMERKUNGEN.

verspotteten negativen Ideale von Herzen wünscht, daß es ganz und gar so aus-
sehen möchte, wie er es hinwirft und wie — um es sinnbildlich auszudrücken —
die Natur die Absicht hatte, das Dargestellte zu schaffen. Aber auch damit ist doch
eigentlich noch keine befriedigende Lösung der aufgeworfenen Frage erreicht.

Was die endgültige Erklärung angeht, warum wohlgelungene Karikaturen in
uns eine Freude auslösen, die dem künstlerischen Wohlgefallen so besonders gleicht,
und darum zu den wirklichen Kunstwerken gerechnet werden müssen, so müssen
wir dieselben auf mehr befriedigende Weise unter unsere allgemeine Definition
von Kunst unterzubringen suchen. Alle Kunst soll die Illusion geben einer Welt, in
irgend einem Sinne besser als die wirkliche, aber wohlgemerkt nicht im objektiven
Sinne, sondern in dem ganz subjektiven des Kunstgenießenden. Der naive und
gute Mensch möchte in einer Welt leben schöner, angenehmer, ergötzlicher als die
tägliche Gegenwart, und die, die er liebt, wünscht er also in Wohlstand und Lieb-
lichkeit zu sehen, und, wenn das Schicksal sie von ihm trennt, die Bilder, die er
von ihnen sieht, ebenso. Darum schmeichelt der Porträtmaler immer etwas in seinen
Bildnissen, muß es tun, wenn auch nur (wie der gewissenhafte) in dem Erhaschen
eines glücklichen Moments der Wirklichkeit.

Die Karikatur scheint in dieser Hinsicht der gegebenen Erklärung zu wider-
sprechen, da sie gerade auf das Gegenteil erpicht ist, auf ein Erhaschen von Fehlem
und Schattenseiten. Nach einigem Besinnen merken wir aber, daß hier dennoch
dieselbe Erklärung zum Ziele führt, nur alles mit negativem Vorzeichen auch in
bezug auf das Ideal der besseren Welt. Einen Heiland und dessen ge-
benedeite Mutter kann der Künstler nicht schön genug vorstellen, da die Gläubigen
in der besten aller Welten sich das Erhabene auch gerne sinnlich schön vorstellen.
Aber das gilt nur dem Verehrenswerten gegenüber. Der Teufel muß notwendig eine
Fratze haben, und einem verhaßten Gegner geben wir gern eine solche, die Fran-
zosen einem Bismarck, und wir Deutsche dem bösen Poincare, und es wird uns
erst behaglich in einer gezauberten Welt, wo die Heiligenscheine und die Teufels-
fratzen in dieser Weise (in unseren Augen) ausgeteilt sind.

Auf diese etwas tiefere Weise gesehen ist also die Karikatur auch Kunst, wie
das schon unser instinktives Urteil verlangte; denn auch die anderen Eigenschaften,
die sonst den Künstler charakterisieren, müssen beim Karikaturzeichner vorhanden
sein, nicht bloß Phantasie, sondern auch technisches Können, Kenntnis der Natur
und Geschmack, dieser, um im Übertreiben maßzuhalten, daß das Produkt noch
immer als einigermaßen ähnlich und zugleich physiologisch möglich erscheint. Das
letztere gilt in noch höherem Grade vom Expressionismus, der ja gar nicht lächer-
lich machen, sondern nur auf das Charakteristische mit gesteigerter Deutlichkeit
hinweisen will, aber auch den Beschauer befriedigt, dem die regelmäßige Schönheit
abgeschmackt geworden ist, und der eben dies Charakteristische, vielleicht auch
weil es die Quelle künftiger Schönheit ist, besonders liebgewonnen hat.
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