Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

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Die Darstellungsformen sind die der »Volkskunst«, die neben der »Stilkunst« einher-
laufen und sie mannigfach durchkreuzen. Die Inkonsequenz in der Vereinigung ver-
schiedener Formelemente, Vergröberung, DesOrganisierung der Formen, Schemati-
sierung, Zerfaserung der Motive, Vorliebe für verschiedenartige Größenmaße neben-
einander, für Allegorie, Symbole und Inschriften. Dem gegenüber sind die Analogien
mit primitiver und Kinderkunst, auch mit der Bildnerei der Geisteskranken nur stück-
haft und mit äußerster Vorsicht zu ziehen. Gerade diese Vorbehalte, die feinfühlige
und sichere Zurückhaltung vor voreiligen Generalisierungen bei der weitesten Ein-
fühlung, die menschlich und methodisch taktvolle Haltung heben diese Studie, ganz
abgesehen von dem interessanten Objekt, auf ein Niveau, das man sonst in der
wissenschaftlichen Literatur weithin vermißt. Die wissenschaftliche Einstellung hat
sich hier im besten Sinne -aufgehoben«, so daß auch jeder menschlich Interessierte
diese Darlegung mit Bereicherung lesen wird.

Hamburg. Klaus Berger.

Borcherdt, Hans Heinrich, Geschichte des Romans und der Novelle in
Deutschland. Teil 1: Vom frühen Mittelalter bis zu Wieland. Leipzig,
J. J. Weber, 1926. 331 S. Geb. M. 14.50.
Der Verfasser rechtfertigt das Unternehmen, eine Geschichte des Romans und
der Novelle in Deutschland in ihrer ganzen Entwicklung zu geben, zunächst durch
den Hinweis, daß bisher ein derartiger Versuch noch nicht unternommen worden
sei. In der Tat fehlt es, sieht man von O. L. B. Wolffs Allgemeiner Geschichte des
Romans« (1841, 2. Aufl. 1850), Dunlop-Liebrechts »Geschichte der Prosadichtungen
oder Geschichte der Romane, Novellen, Märchen usw.« (1851) und Mielkes Göschen-
bändchen (3. Aufl. 1913) ab, bisher an einer solchen Geschichte; denn was an
Schriften in dieser Richtung vorliegt, ist entweder zeitlich oder aber stofflich be-
grenzt. Auf Bobertag (1876-84) und Mielkes zweites Werk (1890, 5. Aufl., bearb.
von H. J. Homann 1920) weist Borcherdt selbst hin: jener behandelt nur die An-
fänge des deutschen Romans, dieses nur den deutschen Roman des 19. Jahrhunderts.
Um die Anfänge bemühte sich etwa noch Scherer (1S77) und Rauße (1914): dieser
führte die Darstellung bis 1800. Die jüngere Entwicklung ein- oder ausschließlich der
Goethezeit behandelte Kreyßig (1871), Mähly (1872), Rehorn (1890), Ebeling (1891),
Fürst (1903), Schian (1904), Pineau (1908). Auch die dazwischenliegenden Zeiten
haben Einzeldarstellungen erfahren, der Roman des 17. Jahrhunderts etwa durch
Cholevius (1866), der des 18. durch Eichendorff (1851, 2. Aufl. 1866), der der Ro-
mantik durch Scheidweiler (1916). Außerdem lockten stets einzelne Stoffgruppen des
Romans zu gesonderter Darstellung. Man denke, um nur einiges zu nennen, an die
Darstellung der Ritter-, Räuber- und Schauerromantik durch Appelt (1859), der Ritter-
und Räuberromane durch Müller-Fraureuth (1894), der Lügendichtungen durch den-
selben (1S81), des Schäferromans durch Rennert (1S92), des historischen Romans
durch Du Moulin-Eckart (1905), des exotischen Romans durch Riemann (1910). Zum
Teil finden sich schließlich diese Einzelmonographien noch zeitlich begrenzt. So
behandelt etwa Wenger den historischen Roman der Romantiker (1905), Mildebrath
den deutschen Abenteurerroman des 18. Jahrhunderts (1907), Dresch den deutschen
sozialen Roman 1850—1900(1913), Touaillon den deutschen Frauenroman des 18. Jahr-
hunderts (1919), Thalmann den Trivialroman des IS. Jahrhunderts (1923). Angesichts
dieser Sachlage ist schon rein äußerlich genommen Borchcrdts Unternehmen dank-
bar zu begrüßen: denn wollte man sich über die Gesamtentwicklung der deutschen
erzählenden Dichtung unterrichten und sich solch Gesamtbild nicht aus den eben
genannten Teildarstellungen oder den betreffenden Abschnitten großer Literatur-
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