Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

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fassende Darstellung der »Deutschen Barockdichtung« '), während Ferdinand Josef
Schneider ( Die deutsche Dichtung vom Ausgang des Barocks bis zum Beginn
des Klassizismus 1700—17S5«)-) seine Geschichtsdarstellung wenigstens mit dem
Ausgang des Barocks begann, um dann die diesem folgende Entwicklungsphase des
literarischen Rokoko eingehend zu würdigen3).

Das vorliegende Buch von Ermatinger »Barock und Rokoko in der deutschen
Dichtung« zeigt seine Besonderheit gegenüber jenen wesentlich dem dichterischen
Barockstil gewidmeten Untersuchungen in einer tief- und weitgreifenden geistes-
geschichtlichen Einordnung der in Frage stehenden dichterischen Erscheinungen.
Weite Strecken des Buches sind unter diesem Gesichtspunkt erfüllt von Darstellung
der religiösen, philosophischen, allgemeinwissenschaftlichen Strömungen jener Zeiten
in Deutschland mit Berücksichtigung auch der Nachbarländer. Nur die Hälfte etwa
der Abschnitte des Buches sprechen davon, wie Dichtung und dichterische Kunst-
lehre sich dem Gesamtgeist hier des Barock, dort des Rokoko anpassen, von ihm
bedingt, heraufgeführt, gebildet worden sind. So darf man in Ermalingers Buch
nicht Einzelbetrachtungen zum Dichtstil jener Epochen suchen; wem jedoch daran
gelegen ist, den Geist der Barock- und Rokokodichtung in seiner Wandlung aus
der gesamten Gefühls- und Gedankenwelt, der Welt- und Lebensanschauung dieser
Zeiten heraus zu verstehen, dem hat es in gedrängter Zusammenfassung wertvolle
Erkenntnisse zu bieten. Vor allem ist Ermatinger bestrebt, die weite Verschieden-
heit, den tiefen Gegensatz von Barockdichtung einer-, Rokokodichtung anderseits
aus den entscheidend gewandelten weltanschaulichen Bedingungen der beiden Zeit-
alter begreifen zu lassen. Barock« sieht er gekennzeichnet in der dunklen, nicht
zu verstandesmäßiger Klarheit dringenden »gewaltigen Spannung zwischen Dies-
seits und Jenseits, Welthingabe und Weltverneinung«, »Rokoko* im Gegensatz dazu
in verstandesmäßiger Durchleuchtung aller Gefühle und Gedanken. Unter steter
Hervorkehrung dieser verschiedenen, gegensätzlichen Geistesverfassungen schildert
Ermatinger den verschiedenen Dichtstil beider Epochen mehr in großen Zügen, als
daß einzelne Persönlichkeiten, wiewohl vielfach beispielhaft herangezogen, in ihrem
Eigenstil eingehender dargestellt würden.

Greifswald. Kurt Gassen.

Ed. Scherrer, Psychologie der Lyrik und des Gefühls. Ein Beitrag zum
Leib-Seele-Problem. Orell Füßü, Zürich und Leipzig. VI u. 196 S.
Das Buch stellt sich, wie schon der Titel besagt, eine doppelte Aufgabe. Es
geht einerseits darauf aus, »die seelischen Vorgänge, die sich beim Genuß lyrischer
Gedichte in uns abspielen, möglichst genau zu beschreiben und zu zergliedern ,
und möchte anderseits in Verfolgung dieses Zieles zur Lösung der Frage nach dem
Wesen des Gefühls beitragen. Da der Verfasser mit seinen allgemein psychologischen
Anschauungen auf dem Boden der Assoziationspsychologie steht, d. h. derjenigen
Psychologie, die in Empfindung und Gedächtnis die Grundtatsachen des Seelen-
lebens erblickt, muß selbe auch für die vorliegende Untersuchung das begriffliche

hausen. Ein deutscher Mensch im 17. Jahrhundert. Reichenberg, Sudetendeutscher
Verl., 1924; Ermatinger, Emil, Weltdeutung in Grimmelshausens Simplidus Simpli-
cissimus. Leipzig-Berlin, Teubner, 1925.

') Leipzig, Haessel, 1924. -) Stuttgart, Metzler, 1924.

:i) Vgl. auch den Abschnitt »Das Zeitalter des Barock« in Paul Merkers Bericht
»Neuere deutsche Literaturgeschichte^. Stuttgart-Gotha, Perthes, 1922, S. 46 ff. (»Wiss.
Forschungsberichte«. Geisteswiss. Reihe 1914—1920, Bd. 8.)
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