Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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WERNER SCHINGNITZ.

ist, die Erkenntnisse gewinnt, ohne Tatsachen zu entstellen und Werte
zu vernichten, die anderseits Tatsachen sprechen läßt, ohne geistig
vor ihnen zu kapitulieren, eine Einstellung also, die — lehrgeschichtlich
gesprochen — nicht einem ästhetikwissenschaftlichen Formalismus das
Beste des konkreten und wertvollen ästhetischen Gegenstandes opfert,
aber ebensowemg auf der anderen Seite die Entsagungen und Resig-
nationen verkennt, unterschlägt oder gar verleumdet, die nun einmal
wesensmäßig das ästhetikwissenschaftliche Forschen und Erkennen
vom künstlerischen Genießen trennen. (Denn wer künstlerisches Ge-
nießen und ästhetikwissenschaftliches Erkennen restlos in Einem
sucht und jedes Lehrgebäude einer Ästhetik, das jenem Suchen nicht
entspricht, sentimental bedauert oder scheinbar überlegen ablehnt, zeigt
vielleicht nur, daß er zwar von subjektiv berechtigten Wünschen beseelt
ist, aber doch gewisse objektiv gegründete Schranken und Wesens-
mäßigkeiten nicht durchschaut hat.)

Nehmen wir aber nun auch an, es sei beides in seinem Wesen
erkannt und anerkannt: künstlerisches Erleben als konkreter Quell,
systematisch-philosophisches Können als wissenschaftliches Werkzeug
der Ästhetikwissenschaft, so hängt beides, wie nicht etwa in erster
Linie im Falle des Fehlens, sondern viel mehr umgekehrt an der Be-
trachtung vorhandener großer Ästhetiker einleuchtet, einigermaßen in
der Luft. Künstlerisches Genießen und wissenschaftliches Forschen
und Erkennen erscheinen immer wieder disparat, einander widerstrei-
tend, unvergleichlich; es scheint das »fertium comparaäonis* jeglichen
Vergleiches, es scheint jedes Prinzip einer Versöhnung dieses Wider-
streites zu fehlen. Jedoch ist ein glücklicher Ausweg, ja vielmehr Hin-
weg und Hinweis immer wieder gegeben, wenn man sich entschließt,
eben nicht nur auf das System, sondern auch auf den Systematiker,
nicht nur auf die Ästhetik, sondern auch auf den Ästhetiker zu blicken.
Denn auch im Problem der Ästhetik als Ästhetikwissenschaft offen-
bart sich das Prinzip der Person als Retter in der Not, als konkrete
Verwirklichung der für unser Gebiet des Ästhetischen typischen »coin-
cidentia oppositorum« — innerhalb menschlicher Grenzen natürlich.
Denn was im Begriff, im Theorem hoffnungslos auseinanderfällt, das
kann sehr wohl im Erleben, in der geistigen Persönlichkeit als ge-
gliederte Einheit existieren, in einer Einheit aber, die sofort in unver-
gleichbare Gegensätze zerbricht, wenn sie in die Qualität des Begriffes
und der Theorie hineingezwungen werden soll.

II.

Was bisher betrachtet wurde, war der Weg von der Kunst zur
Kunsttheorie, vom konkreten Ästhetischen des Erlebens zum abstrak-
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