Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

sehen Institut völlig übersehen worden war, und kommt nach systematischer Kritik
der Fehlerquellen zu einer ablehnenden Stellungnahme.

Hermann Hoffmann berichtet, in »Charakterforschung und Verer-
bungslehre«, über die Verwendung erbbiologischer Methoden innerhalb der
Charakterologie. Sie sollen dazu beitragen, die mannigfaltigen konstruktiven Systeme
der Charakterologie aus der Welt zu schaffen, und sollen der Charakteranalyse eine
in der Biologie verankerte Kontrolle geben. Die Aufspaltung des Charakteraufbaus
in psychogenetische Faktoren und in erbbiologisch selbständige psychologische
Radikale soll uns mit der Zeit zu einem festen Gerüst eines charakterologischen
Schemas verhelfen. Hoffmann bringt eine Fülle von Beispielen aus der historischen
Biographik.

Otto Lipmann schreibt über den »Periphertrieb«. Er unterscheidet beiden
Triebhandlungen solche, die dem konkreten begrenzten Ich dienen, die Nahrungs-
aufnahme, und solche, in denen das Ich des handelnden Menschen sich über seine
raumzeitlich begrenzte körperliche Sphäre erweitert, wie Brutpflege, Erziehung,
künstlerischer Schaffenstrieb. Unter diesen Periphertrieben unterscheidet er solche,
welche die Erweiterung des konkreten, »benannten« Ich erwirken, und solche, bei
denen das Ich sich anonym erweitert. Zu den ersteren rechnet Ehrgeiz, Eitelkeit,
Ruhmsucht, zu den letzteren ideelle Triebfedern.

David Katz zeigt die Beziehungen zwischen »Charakterologie und Tier-
psychologie«. So sehr er vor anthropomorphistischen Deutungen des tierischen
Verhaltens warnt, so sehr lehnt er anderseits den bloßen Behaviorismus und die phy-
siologische Doktrin für die höheren Tiere ab. Er belegt diese Meinung mit wichtigen
Beispielen und liefert selber Beispiele charakterologischer Differenzierungen von
Hühnervögeln.

Konrad Eilers beschließt den wertvollen Band mit einer biographischen
Charakterologie, einer Studie über »Hermann Löns als Mensch und als
Dichter«.

Berlin. Arthur Kronfeld.

Theodor Litt, Individuum und Gemeinschaft. Grundlegung der Kultur-
philosophie. Dritte abermals durchgearbeitete und erweiterte Auflage. Leipzig
und Berlin 1926, B. G. Teubner.
In dieser Kulturphilosophie ist von der Kunst verhältnismäßig selten die Rede.
Aber an einer Stelle wird sie mit einem so entschiedenen und geschickten Griff
herangezogen, daß unsere Zeitschrift davon Kenntnis nehmen muß. Nachdem der
Verfasser festgestellt hat, daß der ganze Reichtum geistiger Kultur nicht in »ein
einziges geschlossenes System ideell verknüpfter Sinngehalte« zu bringen ist, unter-
sucht er (S. 342 ff.) Verwandtschaft wie Unterschiedenheit zweier Gebiete von »sinn-
haftem Gehalt«, nämlich der Mathematik und der Musik. Diese Untersuchung ist
zwar im Zusammenhang des Buches nur als ein Beispiel gedacht, aber sie hat auch
einen selbständigen Wert.

Die Entwicklung der Mathematik scheint dem Verfasser dadurch gekennzeichnet,
daß zwischen dem Wesen der einzelnen Sätze und den sie entdeckenden Individuen
oder Epochen kein notwendiger Zusammenhang besteht: wenn die analysis silus
nicht von N. N. gefunden worden wäre, so würde sie eben ein paar Jahrzehnte
später bei X. Y. hervorgetreten sein. Die Sache erfordert hier in eindeutiger Be-
stimmtheit einen Gang, der mit Zeit und Persönlichkeit nichts zu schaffen hat.
Hingegen zeigt die Geschichte der Musik — obwohl es an zeitlosen Beziehungen
von einem Werk zum anderen nicht fehlt — ein notwendiges Angewiesensein des
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