Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

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einzelnen Gebildes auf den einzelnen Menschen. Die Objektivität musikalischer
Schöpfungen ist eine andere als die der mathematischen Wahrheiten. Sie liegt teils
in der allgemeinen Gesetzlichkeit der Musik überhaupt, teils im Zwang der Über-
lieferung, teils in dem »transpersonalen Eigenbestand« des besonderen Tonstücks,
vor allen Dingen jedoch: sie schließt die Erlebniswelt des Subjekts in sich ein.
Während die mathematische Wahrheit sich in der Lebendigkeit des Denkers ledig-
lich aktualisiert, stellt sich im Tonstück die schöpferische Persönlichkeit dar, aller-
dings geleitet durch sachlich gerichtete Absichten von überpersönlicher Artung.

Litts Darstellung trifft gewiß die Sache, läßt sie jedoch einfacher erscheinen,
als sie tatsächlich ist. Man braucht noch nicht Anhänger Spenglers zu sein, um die
nationalen und individuellen Eigentümlichkeiten in der Handhabung der Mathematik
stärker zu betonen, als es hier geschieht. Schon in der griechischen Mathematik gibt
es zwei gesonderte Entwicklungszüge, und später treten Völker wie Personen deut-
lich als schöpferische Kräfte hervor. Anderseits zeigt ein Rückblick auf ältere Musik
eine starke Zusammengehörigkeit der Zeitgenossen und ein Überwiegen der logi-
schen Notwendigkeit in der Entwicklung. Der von Litt hervorgehobene Unterschied
sitzt schwerlich schon in der Wurzel. Aber es fördert auch die kunstphilosophische
Forschung, daß er in diesem — überhaupt vorzüglichen — Buch so klar aufgezeigt
worden ist.

Berlin. Max Dessoir.

Andreas Moser, Geschichte des Violinspiels. Mit einer Einleitung: Das
Streichinstrumentenspiel im Mittelalter von Hans Joachim Moser. Max Hesse,
Berlin 1923.

Carl Flesch, Die Kunst des Violinspiels. [. Bd. Ries u. Erler, Berlin 1923.

Die beiden in der Überschrift genannten Werke verdienen auch in unserer Zeit-
schrift eine Erwähnung. Mosers Buch kann dazu beitragen, daß der Geiger sich
die Grundsätze eines wahrhaft künstlerischen Spiels, so wie sie im Lauf der letzten
Jahrhunderte entwickelt worden sind, mit Bewußtsein aneignet. Denn Moser gibt
vornehmlich eine Geschichte der violinistischen Spieltechnik. Gestützt auf seine
Kenntnis des Instrumentes, die er als Künstler und Lehrer bewährt hat, zeigt er
eine Entwicklung auf, die ungemein reizvoll ist. Denn diese Entwicklung besteht
eigentlich darin, daß ein von vornherein fertig Gegebenes, nämlich die Geige, erst
ganz allmählich in allen seinen klanglichen und musikalischen Möglichkeiten aus-
geschöpft wird. Besonders die Entwicklung in den älteren Jahrhunderten wird von
Moser »aus den Papieren«, wie Dilthey zu sagen pflegte, dargestellt. Dieser Teil
seiner Arbeit hat hohen musikgeschichtlichen und musikästhetischen Wert. Nicht
ganz ohne Vorbehalt kann die Darstellung der letzten Jahrzehnte gelobt werden.
Zwar ist auch sie des Lobes durchaus würdig, aber es hat sich begreiflicherweise
nicht vermeiden lassen, daß hier persönliche Vorliebe oder Abneigung ein wenig
ins Spiel kommt und daß die Wertordnung nicht immer allgemeingültig scheint, da
sie nicht aus geschichtlichem Abstände heraus vorgenommen werden kann.

Über das Werk von Karl Flesch will ich mich nur ganz kurz äußern, da ich
mehrere Jahre hindurch an seiner Ausgestaltung selber mitarbeiten durfte. Ich kann
aber die Bemerkung nicht unterdrücken, daß nach meiner Kenntnis der Literatur
kein anderes Werk über diesen Gegenstand vorhanden ist, das in gleicher Weise
reifste Erfahrung mit logischer Durchdringung der Probleme verschmilzt. Es werden
in dem Buche Gesichtspunkte aufgeworfen und Gedanken entwickelt, die weit über
das bloß Geigerische hinaus in das Musikalische, ja ins Künstlerische überhaupt
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