Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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BESPRECHUNGEN.

dringen. Ich glaube daher, daß auch in unserem Kreise das Werk aufmerksame
und dankbare Leser finden wird.

Berlin. Max Dessoir.

Heilige Tonkunst. Herausgegeben von Professor Walter Braunfels. 1. Alt-
niederländische Motetten für a-cappella-Chor. 59 S. 4°. — II. W. A. Mozart, Geist-
liche Arien für hohe Stimme. 94 S. 4°. Oratoriumsverlag Köln-München-Wien.
Der »Verband der Vereine katholischer Akademiker zur Pflege der katholischen
Weltanschauung« eröffnet mit den oben angegebenen Bänden eine beachtenswerte
musikalische Veröffentlichungsreihe, die sich nach dem Obertitel in erster Linie an
den Kirchenmusiker wendet, aber auch dem Hause dienen will. Beide Bände spiegeln
eine ganz verschiedene Empfindungswelt wieder. Bei den Niederländern ein mehr
objektiviertes Kunstschaffen, bei Mozart rein subjektives, aber doch stark an den
Zeitstil gebundenes Empfinden. Dort die festen melodischen Linien eines fein ent-
wickelten chorischen Schaffens, hier die subjektiv gesteigerte, solistisch wirkungs-
voll ausgebaute Einzellinie, die harmonisch leicht gestützt wird. Dort ein gesundes,
innerlich starkes Musizieren, hier ein bei aller Achtung vor Mozarts Genie doch
etwas zudringlich opernhaftes, glanzvoll nach außen gerichtetes Singen. Als musi-
kalischer Bearbeiter zeichnet der Münchner Domkapellmeister Ludwig Berberich.
Als Praktiker legt er offenbar wenig Wert darauf, über die Herkunft der Sätze
Kenntnisse zu vermitteln. Und doch hat es heute vielleicht auch für den Praktiker
schon Sinn zu wissen, welcher Quelle die einzelnen Stücke der Sammlung entnom-
men sind. Allem Anschein nach hat Berberich nicht immer aus den originalen
Quellen geschöpft. Angebracht wäre es weiter, den doch nicht immer historisch ein-
gestellten Benutzer schon aus stilistischen Gründen etwas über die Zeit des Kunst-
werks und seinen Schöpfer zu orientieren und sich nicht bloß mit einem Paar auch
nicht immer ganz richtiger Zahlen zu begnügen. So ist Lassos Geburtsjahr falsch
angegeben. Daß die Originalschlüssel nicht mitgeteilt worden sind, fällt nicht schwer
ins Gewicht. Fraglos müßte aber eine Zusatzstimme, wie jene bald aus der Ver-
doppelung von Alt, bald von Baß gewonnene in Fevin's Desccnde in hortum meum,
irgendwie äußerlich gekennzeichnet werden. Auch die Behandlung der semitonia
subintellecta hätte mehr Aufmerksamkeit verdient, z. B. im Sopran auf S. 33, Takt 46,
Note 3 und S. 34, Takt 59, Note 2. Anzuerkennen ist die sorgfältig hinzugefügte
praktisch ausprobierte Vortragsbezeichnung, die bei den Niederländern die ruhigen
Klangflächen wahrt. Die Mozartschen, zum Teil aus Messen entnommenen Arien
sind mit einem gut brauchbaren Klaviersatz versehen. An und für sich ist das Unter-
nehmen zu begrüßen und über die konfessionell gezogenen Grenzen hinaus beachtens-
wert. Buch- wie stichtechnisch liegt eine tüchtige Leistung vor.
Berlin.

____ Johannes Wolf.

Herrn. Stephani, Der Charakter der Tonarten. Bd. 41 der Deutschen Musik-
bücherei, begründet und herausgegeben von Gust. Bosse. Regensburg 1924,
Verlag Gust. Bosse.

Das vielumstrittene und bis heute nicht restlos gelöste Problem der Tonarten-
Charakteristik, über das Referent vor einer Reihe vonJahren an dieser Stelle einen eigenen
Aufsatz veröffentlichte, ist in dieser 148 Seiten starken, ansprechenden Schrift wieder
einmal zum Gegenstand einer eigenen Buchpublikation geworden, meines Wissens
zum ersten Male seit 1897, wo Referent selber in Berlin ein Buch »Die Charakte-
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